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Abgang Ralf Kellermann: Ein Zeichen der mangelnden Wertschätzung für die Frauen

  • 28. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. März

Ralf Kellermann verlässt den VfL Wolfsburg. Ganz überraschend kommt das nicht. Während im Frauenfußball vieles in Bewegung ist, war in Wolfsburg kaum Fortschritt erkennbar. Beim VfL wird ein altes Grundproblem des Frauenfußballs sichtbar. Der Anfang vom Abgesang eines einstigen Frauen-Topklubs?


Svenja Huth verlässt das Spielfeld für den VfL Wolfsburg
Foto: Shutterstock / Gabor Baumgarten

Der Zeitpunkt war ungewollt symbolträchtig. Zunächst bekam der VfL Wolfsburg endgültig aufgezeigt, dass er nur noch ein besserer Sparringspartner für Bayern München ist. Einen Tag später gab der Verein bekannt, dass Sportdirektor Ralf Kellermann den Klub zum Saisonende auf eigenen Wunsch verlässt. Der Mann, der Wolfsburg zu einem der führenden Klubs im europäischen Frauenfußball gemacht hat, geht ausgerechnet in einer Phase, in der Wolfsburg selbst national aussichtslos zurückgefallen ist. Es ist jedoch keine Flucht vor der Verantwortung, sondern eher ein Schritt aus Resignation – aus dem Gefühl heraus, daran nichts mehr ändern zu können.


Seitdem ist fast eine Woche vergangen. Viele ist spekuliert worden, was Kellermanns Abgang für den VfL Wolfsburg bedeutet – und in fast jedem Szenario kommt der Verein schlecht weg. Etwas verspätet will ich versuchen, auch noch etwas Geistreiches dazu beizutragen.


20 Titel holte Ralf Kellermann in Wolfsburg


Laut Pressemitteilung verlässt Kellermann den Verein, um eine neue Herausforderung anzugehen. Das kann ihm niemand verübeln. Irgendwann reizen andere Aufgaben, erst recht nach fast 18 Jahren am selben Standort. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass der Verein viel zu dieser Entscheidung beigetragen hat.


Fakt ist: Ohne Kellermann hätte sich die Abteilung vermutlich nie einen Trophäenschrank zulegen müssen. Sieben Meisterschaften, elf Pokalsiege und zwei Erfolge in der Champions League feierte er als Trainer und Sportdirektor. Als der Frauenfußball gerade begann, sich professioneller aufzustellen, formte Kellermann zur richtigen Zeit eine europäische Topadresse.


Beim VfL Wolfsburg ist zweifellos über viele Jahre vieles im Frauenfußball angeschoben worden. Das Versäumnis: Als andere Vereine nachzogen, blieb der Fortschritt aus. Wolfsburg stand an der europäischen Spitze – und besaß durch Volkswagen wie kein anderer Verein die Möglichkeiten, diese Position zu bewahren oder auszubauen. Dafür wären nicht einmal riesige Summen nötig gewesen. Diese Chance ließ die Chefetage der Fußball GmbH verstreichen.


Frauenteam ohne die verdiente Würdigung im Verein?


Wie der NDR einst recherchierte, zahlt VW seine Zuwendungen ausschließlich an die Fußball GmbH, die wiederum selbst entscheidet, wie das Geld zwischen Männer- und Frauenteam verteilt wird. Und fast alles geht an die Männer: Dort ist die Sehnsucht nach Titeln groß, die Pläne dafür sind aber zumeist stümperhaft. Viel Geld und Personal wird seit jeher verschwendet, sportlich jedoch kaum etwas erreicht. Die Krise hat inzwischen ihren festen Wohnsitz in Wolfsburg.


These: Die Trophäen der Frauen sind im Verein (nicht bei Kellermann) zu lange als Selbstverständlichkeit angesehen worden – und haben intern nicht die verdiente Würdigung erfahren. Weitere These: Für die Bosse zählt seit einigen Jahren insgeheim nur das Abschneiden des Männerteam. Ich erinnere nur daran, dass 2017 die Meisterfeier der Frauen vom Verein abgesagt wurde, weil die Männer in der Relegation gegen den Abstieg spielten. Ich will nicht alles aus der Vergangenheit aufwärmen – aber hat sich am stiefmütterlichen Umgang mit den Frauen etwas geändert?


Offenbar keine Gespräche mit Kellermann über Verlängerung


In Wolfsburg wird ein altes Grundproblem im Frauenfußball sichtbar: Läuft es bei den Männern schlecht, leiden unverschuldet auch die Frauenabteilungen. Aktuell kämpft die Männermannschaft einmal mehr gegen den Abstieg und Geschäftsführer Sport Peter Christiansen steht zunehmend in der Kritik. Nach Medienberichten hatte Christiansen daher offenbar keine Zeit, mit Kellermann über dessen auslaufenden Vertrag zu sprechen. Sollte dies tatsächlich zugunsten der Männermannschaft ausgeblieben sein, hätte Christiansen seine Aufgabe im Sinne des Vereins verfehlt.


Als Christiansen im Sommer 2024 sein Amt antrat, standen „notwendige Infrastrukturthemen“ für den Frauenbereich auf seiner Agenda. Passiert ist bislang nichts Nennenswertes. Die Frauen trainieren auf der Anlage am Elsterweg: funktional, aber in die Jahre gekommen. Alexandra Popp sagte in einem Interview mit der „Braunschweiger Allgemeinen“ bereits 2024: „Es muss sowohl Volkswagen als auch dem VfL klar sein, dass es mit dem, was wir jetzt haben, irgendwann nicht mehr reicht.“ Internationale Spitzenansprüche erfüllt Wolfsburg im Frauenbereich längst nicht mehr.


Wer regelt nun die Nachfolge von Kellermann?


Dass Kellermann nun geht, ist mit Blick auf die Entwicklung kaum überraschend. Für den Standort entsteht ein verheerendes Vakuum – kurz- wie langfristig. So laufen beispielsweise die Verträge von Alexandra Popp, Svenja Huth, Vivien Endemann, Camilla Küver und Caitlin Dijkstra aus. Zudem besteht mit Blick auf den Sommertransfermarkt enormer Handlungsbedarf. Giovanna Hoffmann und Selina Cerci galten als potenzielle Verstärkungen. Führt Kellermann diese Gespräche noch? Oder ist sein Abgang eher ein Argument dafür, nicht nach Wolfsburg zu wechseln oder dort zu verlängern?


Selbst wer Kellermanns Nachfolge antreten soll, scheint ungewiss. De facto obliegt diese Aufgabe Christiansen, der in seiner Position jedoch selbst wackelt – und womöglich andere (Männer-)Themen priorisiert. Eine interne Option wäre nach Medienberichten die Schweizerin Lara Dickenmann, seit dem Vorjahr Direktorin für den Frauen-Nachwuchs. Trainer Stephan Lerch übte die Sportdirektor-Rolle bereits bei der TSG Hoffenheim aus. Eine Doppelfunktion dürfte allerdings keine sinnvolle Lösung sein. Kellermann war ein unnachgiebiger Antreiber für die Belange der Frauen – mit herausragendem Netzwerk und hoher Fachkompetenz. Das ist in dieser Form nicht zu ersetzen.


Wozu das in Wolfsburg führt und welchen Stellenwert die Frauenabteilung künftig im Verein einnimmt, ist schwer vorherzusehen. Allein das ist kein gutes Zeichen. Für mich scheint alles möglich – von einer Jetzt-erst-recht-Mentalität bis zu einem schleichenden Abgesang.

 
 
 

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