top of page

Georgia Stanway: Vier prägende Jahre – und die Suche nach einem passenden Tattoo

  • 26. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Die zweifache Europameisterin hat sich beim FC Bayern München als Fußballerin gefunden. Über eine Spielerin mit Weitsicht, deren Zeit in München im wahren Wortsinn unter die Haut ging. Der Abschied von Georgia Stanway ist nicht nur ein sportlicher Verlust für den FC Bayern, sondern verdeutlicht ein Problem der gesamten Liga.


Georgia Stanway im Trikot von Bayern München
Foto: Markus Verwimp

Welches Motiv für ihre Zeit beim FC Bayern München stehen könnte? Diese Frage bekam Georgia Stanway in Interviews zuletzt häufiger gestellt. Sie hatte zwar Ideen, wollte sich aber noch nicht festlegen. Dazu muss man wissen: Stanways Körper ist im Prinzip ein Lebenslauf aus Symbolen. Über 100 Tätowierungen soll die Britin haben – einige bedeutungslos, andere mit Hintergrund, insbesondere mit Bezug auf ihre Zeit als Fußballerin. Entsprechend naheliegend ist es, dass auch ihre vierjährige Zeit in München eine Tattoo-Verewigung erhält. Denn für die 27-Jährige ist in München beinahe alles so gekommen, wie sie es sich erhofft hatte – nicht nur fußballerisch.


Als der FC Bayern Georgia Stanway 2022 verpflichtete, gelang dem Klub ein Coup. Eine englische Nationalspielerin in die Bundesliga zu holen, ist inzwischen undenkbar – und führte schon 2022 zu Aufsehen. Dass Stanway zudem als frisch gekürte Europameisterin kam, verlieh dem Transfer noch mehr Glanz.


Georgia Stanway entwickelt sich in München zu einer Weltklassespielerin


Für beide Seiten erwies sich die Zusammenarbeit als Glücksfall: Bayern war damals national der Herausforderer des VfL Wolfsburg und ist nun, vier Jahre später, einsame Spitze der Bundesliga und international deutlich angesehener. Stanways Anteil daran ist nicht klein. In ihren vier Spielzeiten gab es am Ende viermal die Meisterschale – Stanway hat nie etwas anderes erlebt. Sie selbst kam 2022 als gute Spielerin mit riesigem Potenzial und verlässt München nun, vier Jahre später, mit dem Etikett „Weltklasse“. Dazu ist sie unbestrittene Leistungsträgerin im englischen Nationalteam. Und vor allem: Sie hat sich als Fußballerin in München gefunden.


Bei Manchester City stieg sie nach ihrem Debüt mit 16 Jahren bis 2022 zur Rekordtorschützin auf, gewann mehrere Pokalwettbewerbe und wurde 2016 Meisterin. Trotzdem fühlte sie sich in ihrer Entwicklung eingeschränkt, wie Stanway dem Blog „Miasanrot“ sagte:

„Der Wechsel nach München war für mich eine Gelegenheit, neu anzufangen. Ich hatte in Manchester das Gefühl, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich mich nicht mehr verbessern und weiterentwickeln würde.“

In Manchester galt Stanway als Allzweckwaffe: Sie spielte im offensiven Mittelfeld, auf dem Flügel oder häufig als zweite Stürmerin – gelegentlich sogar als Außenverteidigerin. Was sie jedoch suchte, war eine feste Rolle, um als Fußballerin zu wachsen. „Ich wurde auf jeder Position eingesetzt, konnte mich aber nirgendwo richtig einbringen. Man bezeichnete mich als ‚vielseitig‘, was ich aber gar nicht sein wollte“, sagte Stanway 2022 bei „Sky Sport“.


Das Interesse aus München kam zur richtigen Zeit: ein Neustart in einem fremden Verein, in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache – und all den persönlichen und sportlichen Herausforderungen, die ein solcher Wechsel mit sich bringt. Ein Schritt aus der „Komfortzone“, wie es gern heißt und wie Stanway mehrfach betonte. Dass sie diesen Schritt forcierte, zeugt von Weitsicht: Als ihr Berater und ihr Umfeld anfangs mit nach München fliegen wollten, lehnte Stanway ab. Sie wollte alles selbst meistern.


Stanway: „Ich bin als Mensch viel offener geworden.“


Das hat sie offenbar auch persönlich geprägt. Sie musste sich öffnen und auf Menschen zugehen, wie sie dem „Guardian“ sagte: „Ich bin als Mensch viel offener geworden.“ Außerdem fügte sie an: „Ich bin in ein Land gekommen, in dem mich niemand kannte, und konnte sein, wer ich wollte. Ich habe mich enorm weiterentwickelt. Ich war nie besonders gesellig, aber in der neuen Umgebung hatte ich jeden Abend Lust, Leute zu treffen.“


In München vertiefte sie auch ihr Faible fürs Tätowieren und setzt mittlerweile selbst regelmäßig die Nadel an – bei anderen. Auch das wird ihr aus der Münchner Zeit bleiben. Ihr erstes Tattoo stach sie ihrer Mitspielerin Carolin Simon; festgehalten wurde das in einer vereinseigenen Dokumentation des FC Bayern. Inzwischen sollen es mehr als 50 selbstgestochene Tattoos sein – Stanway hat sich also auch auf anderen verewigt.


Foto: Markus Verwimp
Foto: Markus Verwimp

In München hat Stanway ein klares Rollenprofil gefunden


Noch prägender war jedoch ihre Zeit als Fußballerin in München. Sie entwarf im Zentrum den Spielaufbau des FC Bayern: mal über kurze Kombinationen, mal mit dem Pass in die Tiefe; mal geduldig, mal mit hoher Dynamik und einem eigenen Vorstoß per Dribbling – und fast immer gedankenschneller als die Gegenspielerinnen. Und ja: abschlussstark ist Stanway ebenfalls.


In München sind all diese Stärken gereift, auch, weil Stanway wie erhofft ein klares Rollenprofil erhielt: als Sechserin, die das Spiel vor sich hat und deutlich defensiver agiert als bei Manchester City, bei Bedarf aber ihre offensiven Qualitäten ausspielt. Auch abseits des Balles hat München sie geprägt. „Ich habe eine Führungsrolle übernommen, was ich nie erwartet hätte“, sagte Stanway dem „Guardian“. Das spiegelt sich auch im englischen Nationalteam wider, in dem Stanway längst nicht mehr wegzudenken ist. Den Wechsel nach München bezeichnete sie zuletzt im „Kicker“ als „die beste Entscheidung meines Lebens und meiner Karriere“.


Stanway als letzte internationale Schaufensterspielerin der Liga


Allerdings: Die Bundesliga ist für ihre Qualität zu klein geworden. Oder anders: Die Liga als Ganzes ist nicht im mitgewachsen, um internationalen Topspielerinnen eine Perspektive zu bieten. Stanways Zeit in München wirkte ohnehin von vornherein begrenzt. Für sie als Britin ist die englische Liga zu präsent. Ihr Abgang nach vier Jahren überrascht daher nicht – und zeugt von ähnlich viel Weitsicht wie einst ihr Wechsel zum FC Bayern. Dennoch sagt es etwas über die Bundesliga aus, dass Stanway als internationale Topspielerin in ihren besten Karrierejahren zuletzt eine Rarität war.


Die Zeiten, in denen der VfL Wolfsburg internationale Top-Talente wie Ewa Pajor, Caroline Graham Hansen oder Dominique Janssen unter Vertrag nahm und mehrere Jahre hielt, sind längst vorbei. Das Standing der Bundesliga ist gesunken. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Selbst Bayern München hat nach ihrem Transfer in dieser Kategorie nicht nachgelegt. Ob mangels Spielerinneninteresses oder mangels Vereinswillens? Darüber lässt sich ausgiebig diskutieren. Klar: Pernille Harder kam 2023 nach München, war damals aber bereits 31 Jahre alt.


Stanways Abschied trifft daher nicht nur sportlich den FC Bayern, sondern die gesamte Bundesliga in ihrer Außenwirkung. Stanway war gewissermaßen die letzte internationale Schaufensterspielerin der Liga. Nun zieht sie weiter – nach Medienberichten wohl zum FC Arsenal.


Bleibt zum Abschluss die Frage nach dem Tattoo, das Stanways Zeit in München charakterisiert. Diese Woche präsentierte sie auf Instagram die Auflösung. Es wurde ein Stück Vereinsfolklore: Ein „Mia san mia“-Schriftzug, tätowiert zwischen Knie und Kniekehle.


 
 
 

Kommentare


bottom of page