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Werder Bremen: Mehr als ein Halbjahreswunder?

  • 13. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Feb.

Werder Bremen steht zur Winterpause überraschend auf einem Europapokalplatz. Trainerin Friederike Kromp hat das Team und den Verein bemerkenswert weiterentwickelt. Ist dieser Erfolgslauf aufrechtzuerhalten? Was dafür spricht – und was dagegen.


 Foto: Shutterstock/Gabor Baumgarten
Foto: Shutterstock/Gabor Baumgarten

Wenn selbst die eigene Trainerin vom sportlichen Erfolg überrascht ist, dann hat ein Team gewiss alle Erwartungen übertroffen. Auf Werder Bremen trifft das nach den ersten 14 Spieltagen definitiv zu. 26 Punkte und Platz drei lagen bei allen Werder-Beteiligten unter dem Weihnachtsbaum. Nie stand die Frauenabteilung besser da. Gerechnet hat damit niemand. Auch Trainerin Friederike Kromp nicht. „Dass es so gut läuft, hätte ich tatsächlich nicht gedacht“, sagte sie vor dem Jahreswechsel dem Portal „Deichstube“. Vor Saisonbeginn hatte Kromp eher davor gewarnt, dass der Verein in der Tabelle weiter abrutschen könnte – in der Vorsaison landete Werder auf Platz sieben.

 

Friederike Kromp hat bei Werder Bremen viel bewegt

 

Dass dieses Szenario nicht eingetroffen ist, geht zum Teil auf Kromp selbst zurück. Nicht nur für den Trainingsplatz. Ebenso in den Büros ihrer Vorgesetzen. Kromp trägt die Mentalität in sich, den Leuten auf die Füße zu treten und Dinge einzufordern, die ihr wichtig sind. Ein Antrieb, der dem Verein – von außen betrachtet – in den vergangenen Monaten sichtlich gutgetan hat: In der Frauenabteilung ist deutlich mehr Professionalität eingezogen.

 

Unter Kromp trainiert die Mannschaft seit dieser Saison nicht nur nachmittags, sondern zusätzlich vormittags, Besprechungen und Analysen gehören zur Tagesordnung und im Winter reist das Team nun erstmals ins Trainingslager: Zur Vorbereitung unter der Sonne im spanischen Oliva Nova. Verbesserungspotenzial lässt Kromp öffentlich zudem im Scouting- und Athletikbereich durchblicken – sprich: mehr Personal wäre wünschenswert.

 

Dermaßen viel Tatendrang kann sich auch auf eine Kabine übertragen. Das ist an dieser Stelle zwar nur eine Mutmaßung aus der Psychologie-Kiste. Doch wer abseits des Platzes so viel für das Team anschiebt, kann zugleich etwas in den Köpfen der Spielerinnen bewirken.

 

Defensiv ist Werder Bremen ein Spitzenteam

 

Kromp ist in erster Linie jedoch Trainerin. Die Gründe für Platz drei liegen daher vor allem in der spielerischen Entwicklung. Kämpferisch und abwehrstark galt Bremen bereits in den Vorjahren. Unter Kromp wirken die defensiven Abläufe jedoch noch einmal deutlich gefestigter. Besonders das Stellungsspiel, das Verschieben im Abwehrdrittel und die gesamte Rückwärtsbewegung stechen bislang im Spiel der Bremerinnen hervor. 

 

Mit Michelle Ulbrich und Hanna Nemeth strahlt die Innenverteidigung Ruhe und Sicherheit aus, davor bilden Juliane Wirtz und Kapitänin Lina Hausicke eines der besten zentralen Mittelfeldduos der Liga: Wirtz als passstarke Aufbauspielerin, Hausicke als Ich-hau-mich-100-prozentig-rein-Spielerin mit dem Prädikat: besonders unangenehm. Ein großer Gewinn als Torhüterin ist Mariella El Sherif, die spielerisch zu den besten Schlussfrauen der Liga zählt. Defensiv ist Werder völlig verdient im Kreis der Topteams.

 

Zu große Abhängigkeit von Standards – und Larissa Mühlhaus?


Offensiv gilt das indes noch nicht. Wer die Bundesliga verfolgt, weiß, dass Bremen seine Tore insbesondere über Standards erzielt hat: Elf der 22 Treffer fielen nach einer Ecke oder per Elfmeter. Bemerkenswerte sieben Strafstoßtreffer steuerte Larissa Mühlhaus bei.

 

Standardstärke ist eine Qualität, keine Frage – und diese Quote ist überdurchschnittlich stark. Torchancen nach ruhenden Bällen sind jedoch von vielen Variablen abhängig, sodass die Erfolgswahrscheinlichkeit tückisch sein kann. Vier Siege und ein Remis gingen in der Hinrunde auf Elfmetertore von Mühlhaus zurück. Hätte es – aus welchen Gründen des Spielverlaufs auch immer – einige dieser Strafstöße nicht gegeben, stünden womöglich vier bis sechs Punkte weniger auf dem Konto. Super hypothetisch, ich weiß. Es soll jedoch lediglich die Fallhöhe für Bremen verdeutlichen.

 

Abgesehen von der Standardstärke befindet sich Werder offensiv noch im Findungsprozess. Das Team hat zwar mehr Ballbesitz als in der Vorsaison, häufig sind jedoch lange Bälle das Mittel der Wahl – nicht immer mit Erfolg. Spielerisch hakt zudem noch das Flügelspiel, das offensive Kombinationsspiel wirkt noch nicht vollständig abgestimmt. Mühlhaus gehörte zwar mit ihrer Durchschlagskraft, ihren Dribblings und ihrer Abschlussgier bislang zu den auffälligsten Spielerinnen der Liga, allerdings rutscht Werder zunehmend in eine wachsende Abhängigkeit von seiner Stürmerin. Ist Mühlhaus – wie in der Partie vor Weihnachten gegen den SC Freiburg (0:3) – nicht ins Spiel eingebunden, klemmt die gesamte Offensive. Ein Punkt, der sicher in Kromps Aufgabenheft steht.

 

Mara Alber vom FC Chelsea ist ein Fingerzeig für Werder Bremen

 

Dass der Verein nach außen inzwischen deutlich schmucker daherkommt, zeigt die Leihe von Mara Alber vom FC Chelsea. Die deutsche U23-Nationalspielerin gilt als großes Talent, kam in London in der Hinrunde jedoch nicht zum Zug. Ein Transfer an die Weser wäre vor einem Jahr vielleicht noch nicht zustande gekommen. Nun ist Alber aber in Bremen, dürfte etwas Spielrhythmus benötigen, kann für die Offensive aber grundsätzlich ein großer Gewinn sein.



In der Rückrunde geht es um den Bonus dieser Saison: Ist Werder mehr als ein Halbjahres-Wunder? Kann sich das Team tatsächlich für den europäischen Wettbewerb durch Platz drei qualifizieren? Das hängt maßgeblich davon ab, ob sich das Offensivspiel noch einmal weiterentwickelt. Das Fundament an innerer Überzeugung und Selbstvertrauen ist zumindest gelegt. Das kann Spielerinnen tragen, um erneut in die Psychologie-Kiste zu greifen. Kromp hat in diesem Team etwas bewirkt. Der Effekt daraus ist nicht zu unterschätzen.

 
 
 

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