Hamburger SV: Ein SOS aus dem Abstiegskampf
- 17. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb.
Trainerin Liése Brancão wirkt in Hamburg noch wie eine Suchende, wo sie mit dem Team hinmöchte. Sie fordert Verstärkungen. Fraglich, ob damit jedoch alle Probleme gelöst werden.

Seinen sportlichen Höhepunkt der Hinrunde hat der Hamburger SV de facto bereits am ersten Spieltag erreicht. Und solch eine Erkenntnis ist alles andere als erbauend für einen Verein. Damals gelang dem HSV durch eine mitreißende Aufholjagd ein 3:3‑Remis gegen Champions-League-Teilnehmer VfL Wolfsburg. Über 11.000 Zuschauerinnen und Zuschauer feierten das Team anschließend im Volksparkstadion – beim Support ist der Verein gewiss eine Bereicherung für die Liga. Manch ein Fan dürfte das vorschnell ebenso über das Team gedacht haben: In der 1. Bundesliga, da kann der HSV definitiv bestehen! Ein Trugschluss, wie sich in den folgenden Monaten zeigte. Vielsagend ist mittlerweile auch Trainerin Liése Brancão dieser Ansicht.
Kurz vor Weihnachten traf Hamburg ein zweites Mal auf den VfL Wolfsburg, dieses Mal gab es eine 1:3‑Niederlage. Anschließend sagte Brancão auf der Pressekonferenz:
„Ich glaube, vom Kader her sind wir weit weg von allen anderen. Auch wenn wir sehr, sehr jung sind, wünsche ich mir schon zwei bis drei Verstärkungen.“
Eine bemerkenswerte Aussage. Im Grunde ein SOS, das ein unglückliches Licht auf die Kaderplanung wirft, für die in erster Linie Frauenkoordinatorin Saskia Breuer verantwortlich ist – ob nun von Brancão beabsichtigt oder nicht. Bei nur sieben Punkten und einem Sieg aus den ersten 14 Spielen besteht aber offenbar Redebedarf.
Was in Österreich funktionierte, klemmt beim Hamburger SV
Wobei die Trainerin bei den Sommertransfers durchaus mitmischte. Bei Brancãos Amtsantritt holte der HSV immerhin vier Spielerinnen von ihrer vorherigen Station beim SKN St. Pölten: Maria Mikolajova, Melanie Brunnthaler, Laura Sieger und Sophie Hillebrand. Den Klub aus dem Alpenvorland hatte Brancão als Sportliche Leiterin und Trainerin zu sieben Meisterschaften, sechs Pokalsiegen und dreimal in die Gruppenphase der Champions League geführt. Was in Österreich jedoch herausragend funktionierte, klemmt in Hamburg noch gewaltig. Die gemeine Frage dahinter: Wie viel davon ist auf die Qualität des Kaders zurückzuführen, und wie viel auf die Arbeit der Trainerin?
Der HSV ist spielerisch bislang schwierig zu greifen. Irgendwie diffus. Da wäre das Muster, dass die Hamburgerinnen viele Partien stark beginnen, ihre Gegnerinnen unter Druck setzen und ansehnlichen Offensivfußball zeigen – und dieser Ansatz nach spätestens zehn bis fünfzehn Minuten größtenteils verpufft. Danach sind klare Abläufe selten noch zu erkennen, das Offensivspiel wirkt zerfahren.
Offensiv: Das Spiel des Hamburger SV besteht oft nur aus Lotta Wrede
Ein Blick in die Statistikportale: Der Hamburger SV spielt laut „fbref.com“ die zweitwenigsten Pässe und hat zudem die zweitschlechteste Passquote (61,1 Prozent). Nur der 1. FC Nürnberg liegt in beiden Kategorien hinter dem HSV. Allerdings setzt der „Club“ auf ein klares Konzept mit konsequentem – und bislang erfolgreichem – Umschaltspiel, sodass diese Werte dort weniger ins Gewicht fallen. Beim HSV hingegen ist ein klares Konzept bislang nur schwer auszumachen. Torabschlüsse (Platz 13), Expected Goals (Platz 12), Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte (Platz 12): Der HSV steht demnach zurecht in der Abstiegszone.
Offensiv zerfällt das HSV-Spiel in zu viele Einzelaktionen. Fast alles läuft irgendwann über die linke Seite mit den Talenten Leni Eggert und Lotta Wrede. Die einzige Idee ist dann häufig, Wrede den Ball zu geben – und zu hoffen, dass sie etwas Außergewöhnliches anstellt. Und das tut sie oft genug: Allein ihre Dribblings, Drehungen und ihre Spielintelligenz sind es wert, sich jedes HSV‑Spiel anzusehen.
Nur: Für eine 17‑Jährige ist das sehr viel Verantwortung, gerade im Abstiegskampf. Gelegentlich ist auch ein Dribbling zu viel dabei, oft fehlt es ihr aber auch an Unterstützung. Vor allem das zentrale Mittelfeld strahlt zu selten Offensivgefahr aus. Das schränkt auch Stürmerin Brunnthaler ein, die zwar emsig um jeden Ball kämpft, in Strafraumnähe aber kaum von ihren Mitspielerinnen in Szene gesetzt wird. Brancão dürfte das ebenso wenig gefallen. Ändern konnte sie es bislang allerdings nicht.
Defensive Bilanz: Hamburg kassierte 38 Gegentore in 14 Spielen
Die dringendere Baustelle liegt jedoch in der Defensive. Faktisch stellt der HSV mit bislang 38 Gegentoren die schwächste Abwehr der Liga. Verteidigte der HSV höher, traten regelmäßig Probleme in der Rückwärtsbewegung auf. Besonders in der Innenverteidigung mangelt es mit Nina Räcke und Victoria Schulz – die Brancão vom Sturm in die Abwehr versetzte – an Tempo. Stand die Mannschaft hingegen tiefer, sah das defensiv phasenweise ordentlich aus – doch offensiv herrschte dann Flaute, weil das Umschaltspiel bislang nicht ausgereift ist. Die richtige Abstimmung hat Brancão bislang nicht gefunden.
Die Brasilianerin wirkt noch wie eine Suchende, wo sie mit dem HSV hinmöchte. Ihr helfen sollen nun neue Spielerinnen. Für die Rückrunde lieh der HSV die 20‑jährige Mittelfeldspielerin Paulina Bartz von Bayer Leverkusen aus. Sie kam dort bislang auf einen Startelfeinsatz und vier Einwechslungen in der Liga. Für den Konkurrenzkampf im Tor wurde Lea Paulick von Eintracht Frankfurt verpflichtet, die dort zuletzt Reservistin war. Seit dem Kreuzbandriss von Laura Sieger wechselten sich bislang Inga Schuldt und Larissa Haidner im HSV-Tor ab – beide mit schwankenden Leistungen.
Ob Bartz und Paulick aber die erhofften Verstärkungen sind, die Brancão gefordert hat, das bezweifle ich. Ob Verstärkungen ohnehin alle Probleme lösen, daran muss sich die Trainerin dann messen lassen. Auf dem Transfermarkt bleibt zwar noch Zeit. Im schlechtesten Fall muss Brancão aber mit einem Kader weiterarbeiten, den sie öffentlich selbst angezählt hat. Für die Trainerin, den Abstiegskampf und möglicherweise das Innenleben der Kabine sind das keine guten Aussichten.



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