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Hamburger SV: Die Entlassung von Liése Brancão - mehr Symptom als Lösung?

  • 13. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Mai

Ergebnisse und Auftritte rechtfertigen eine Trennung von Liése Brancão. Aber ist damit die Alleinschuldige für die sportliche Situation gefunden? Nein. Der HSV hat von Anfang an eine falsche Idee verfolgt. Dazu passt der irritierende Zeitpunkt der Trennung.


Die Fahne des Hamburger SV
Foto: Shutterstock / Gabor Baumgarten

Liése Brancão ist beim Hamburger SV als Cheftrainerin freigestellt worden, Rodolfo Esteban Cardoso, Ex-HSV-Spieler, übernimmt bis zum Saisonende. Das teilte der HSV am Montag mit. Eine Entscheidung, die ich einerseits nachvollziehen kann, andererseits trotzdem nicht ganz verstehe. Eine Einordnung.


Bei zwei Punkten dürfte Brancão intern kaum noch Argumente gehabt haben: den Ergebnissen und den spielerischen Auftritten. Somit ist ihre Freistellung nachvollziehbar. Denn die Rückrunde brachte in dieser Hinsicht kaum Besserung, trotz einiger Verstärkungen. Einzige Ausnahme bleibt der Auftritt beim 4:0-Erfolg gegen die TSG Hoffenheim, der irgendwie weder davor noch danach in diese HSV-Saison passt.


Offensive und defensive Probleme unter Liése Brancão


Der HSV bekam unter Brancão nie ein funktionierendes Umschaltspiel zwischen Defensive und Offensive hin. Das Passspiel von hinten heraus war zu ungenau (Passquote: 64,4 Prozent – zweitschlechtester Wert der Liga), lange Bälle wurden häufig ziellos nach vorn geschlagen. Wer sich die Heatmaps des HSV anschaut, sieht meist auffällig wenige Aktionen im Angriffsdrittel. Ein Grundproblem dieser Saison: Im Spiel nach vorn fehlten Strukturen. Dafür trägt die Trainerin Verantwortung.


Defensiv sah es beim HSV kaum besser aus. In den acht Partien des Jahres 2026 kamen die Gegner im Schnitt auf einen Expected-Goals-Wert (xG) von 2,09 pro Spiel – bei durchschnittlich 15,88 Abschlüssen, davon 10,5 aus dem Strafraum. Ein Indiz dafür, dass es schlicht zu einfach war, gegen den HSV in gefährliche Zonen zu kommen.



Ist Brancão damit schuld an der unbefriedigenden HSV-Saison? Nicht allein. Das Gesamtbild ist vielschichtiger. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga fehlte ein klarer Plan, wie das Team aussehen soll. Das zeigt auch der Blick auf die Mitaufsteiger: Union Berlin (zugegeben mit anderen finanziellen Möglichkeiten) verpflichtete etliche etablierte Bundesligaspielerinnen; der 1. FC Nürnberg setzte auf Daten und eine klare Analyse, wie er in der Bundesliga bestehen kann. Der HSV? Schwierig zu sagen.


Auch die Arbeit von Saskia Breuer rückt in den Fokus


Den Verantwortlichen schien es offensichtlich eine lukrative Idee, vieles aus Brancãos vorherigen Erfolgsstadion in SKN St. Pölten (sieben Meisterschaften) zu übernehmen: Mit Maria Mikolajova, Melanie Brunnthaler, Laura Sieger und Sophie Hillebrand folgten vier Spielerinnen ihrer Trainerin in die Bundesliga. Was in Österreich aber herausragend klappte, hakt in Hamburg. Sieger zog sich an Spieltag zwei einen Kreuzbandriss zu, Mikolajova, Brunnthaler und Hillebrand sind solide bis gute Bundesligaspielerinnen – aber kein gehobenes Niveau wie in der österreichischen Liga.


Ansonsten vertraute der HSV auf ein überwiegend junges, talentiertes Team, aus dem eine Lotta Wrede oft herausragt. In Summe, das hat sich gezeigt, reicht es aber (noch) nicht für konstantes Erstliga-Niveau.


Diese - rückblickende - Fehleinschätzung fällt in den Verantwortungsbereich von Frauenkoordinatorin Saskia Breuer zurück.


Das Qualitätsdefizit sprach Brancão zum Jahresende in überraschend deutlichen Worten an:

„Ich glaube, vom Kader her sind wir weit weg von allen anderen. Auch wenn wir sehr, sehr jung sind, wünsche ich mir schon zwei bis drei Verstärkungen.“

Folge: Sechs Wintertransfers, von denen Paulina Bartz, Camilla Linberg, Magou Doucoure und Lea Paulick auf Anhieb Stammkräfte sind. Das lässt sich durchaus als Bestätigung interpretieren, das im Sommer die falsche Kaderstrategie verfolgt wurde. Die größte Baustelle – die Innenverteidigung – ging der HSV allerdings nicht an. Ob der Markt keine Optionen hergab oder diese finanziell nicht darstellbar waren, ist von außen schwer zu beurteilen. Für Brancao blieb damit ein zentrales Problem bestehen.


Zeitpunkt der Trennung: Warum jetzt?


Im Laufe der Hinrunde zog Brancão die Stürmerin Victoria Schulz als Stammkraft in die Innenverteidigung, daneben etablierte sich Svea Stoldt, eigentlich Mittelfeldspielerin. Das zeigt, wie die Trainerin die personelle Situation in der Abwehrzentrale lösen musste – auch bedingt durch Verletzungen. Ohne Schulz und Stoldt zu nahe zu treten: Beide sind eher eine Not- als eine Dauerlösung für die Innenverteidigung, zumal ihnen in der Rückwärtsbewegung etwas Tempo fehlt. Brancão dürfte das gewusst haben. Der HSV wollte oder konnte aber darauf nicht reagieren.


Dass Hamburg seine Trainerin angesichts der sportlichen Stagnation freistellt, dafür gibt es dennoch Argumente. Nach Medienberichten soll es auch atmosphärische Störungen zwischen Trainerin und Team gegeben haben. Vorstand Erwin Huber erklärte:

„Nach eingehender Analyse der sportlichen Entwicklung sowie intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass ein Trainerwechsel zum jetzigen Zeitpunkt notwendig ist.“

Kritisch möchte aber ich den Zeitpunkt hinterfragen. Der HSV bestritt sein letztes Spiel am 31. März – ein ernüchterndes 1:3 gegen Bayer Leverkusen. Seitdem sind 13 Tage vergangen. Entweder brauchten die Verantwortlichen so lange, um sich zu dieser Entscheidung durchzuringen, oder das Thema kam erst verspätet auf den Tisch. Beides sieht nicht vorteilhaft aus.


Mehr als drei Wochen hätte sich das Team gezielt auf das Spiel gegen Nürnberg am 24. April vorbereiten können – stattdessen lief zunächst der alte Trott unter Brancão weiter, nun soll Cardoso neue Impulse setzen. Das hätte sich besser koordinieren lassen.


Über Cardosos Erfahrung und Eignung für die verbleibenden vier Spiele möchte ich nicht ausführlich urteilen – dafür habe ich seine Arbeit in verschiedenen Positionen beim HSV zu wenig verfolgt. Ob er mehr aus diesem Kader als Brancão herausholen kann, dürfte auch für die Bewertung der Arbeit von Saskia Breuer relevant werden. Zweifel sind bei mir vorhanden.

 
 
 

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