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Richtige Entscheidungen, neue Spannung und viel Nachholbedarf

  • 31. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Feb.

Was bleibt aus der ersten Saisonhälfte der Bundesliga hängen? Der Meisterkampf ist frühzeitig wohl entschieden, trotzdem ist die Hinrunde in vielerlei Hinsicht ein Gewinn für die Liga. Fünf Erkenntnisse.


 Foto: Shutterstock/Gabor Baumgarten
Foto: Shutterstock/Gabor Baumgarten

Vieles war neu für diese Saison: Die Liga ist angewachsen, erstmals gab es drei Aufsteiger und an vielen Stationen nahmen neue Trainerinnen und Trainer ihre Arbeit auf. Bayern München ist nach 14 Spieltagen der Konkurrenz enteilt, die Liga ist in Summe jedoch spannend wie lange nicht. Fünf Themen aus der ersten Saisonphase.


Richtige Trainerentscheidung


José Barcala? Mal gehört. Viel wusste ich mit ihm aber nicht anzufangen, als Bayern München ihn als Nachfolger von Alexander Straus präsentierte. Eine interessante, aber auch mutige Wahl. Immerhin führte Straus den Verein in seinen drei Jahren auf ein neues Erfolgsniveau, mit drei Meistertiteln und dem ersten Double im Sommer 2025. Große Fußstapfen – sportlich wie menschlich.


Ein halbes Jahr später lässt sich jedoch festhalten: Die Verantwortlichen um Sportdirektorin Bianca Rech haben erneut ein gutes Händchen bewiesen. Anfangs mussten sich einige Abläufe noch finden, doch inzwischen greift das System Barcala auf beeindruckende Weise. Dynamik, Tempo und Spielkontrolle – insgesamt wirkt das Spiel der Münchenerinnen für mich sogar noch einmal verbessert zur Vorsaison. 


National ist die Dominanz erdrückend: 40 von 42 möglichen Punkten und dazu elf Siege mit drei oder mehr Toren Unterschied. Der größte Erfolg ist in meinen Augen jedoch, dass selbst das 1:7‑Schockerlebnis gegen den FC Barcelona zum Auftakt der Champions League keine Nachwirkungen zeigte.


Ein Schlüsselmoment ist rückblickend die Partie gegen Arsenal. Eine desolate Halbzeit, ein 0:2-Rückstand und die Sorge, erneut international unter die Räder zu kommen – zur Pause schien Bayern an einem stimmungsmäßigen Kipppunkt für die weitere Saison. Es folgte jedoch die fulminanten Aufholjagd zum 3:2-Sieg. So ein Erlebnis kann ein Team weit tragen. Inzwischen steht Bayern fix im Viertelfinale der Champions League, der Meistertitel ist Formsache. Bayern hat mit Barcala die richtige Entscheidung getroffen. Nachteil: Im Meisterkampf kommt keine Spannung mehr auf.


Richtige Entscheidung im zweiten Anlauf


Die SGS Essen stand ebenfalls vor einer schwierigen Personalentscheidung. Trainer Markus Högner war – mit dreijähriger Unterbrechung – seit 2010 die Identifikationsfigur des Vereins. Die Nachfolge übernahmen Robert Augustin, zuvor Co‑Trainer, als Teamchef und Thomas Gerstner als Trainer. Die Entscheidung wirkte nachvollziehbar. Hinterher ist man jedoch immer schlauer. Damals hätte man durchaus skeptischer sein müssen.


Das Team war über Jahre auf den eher defensiven Högner‑Fußball geprägt, während Augustin und Gerster einen deutlich offensiveren Stil etablieren wollten. Das misslang auf ganzer Linie. Die Spielerinnen waren überfordert, es häuften sich Fehler. Das Team wirkte von Spieltag zu Spieltag verunsicherter. Das gipfelte in der 0:8-Niederlage am fünften Spieltag gegen den VfL Wolfsburg. Augustin und Gerstner mussten gehen, Co-Trainer Jessica Wissmann wurde zur Interimschefin befördert.


Rückblickend war die frühe Trennung ebenso richtig wie das Festhalten an Wissmann bis zur Winterpause – obwohl sie nicht die nötige Lizenz besitzt. Es brauchte eine Ausnahme-Abmachung mit dem DFB, doch Wissmann stabilisierte das Team, vor allem defensiv. Acht Punkte zum Ende der Hinrunde hievten die SGS auf Platz zwölf über den Strich. Für die Rückrunde hat Essen mit Heleen Jaques eine Cheftrainerin geholt, die die nötige Lizenz mitbringt. Wissmann bleibt dem Trainerteam jedoch erhalten. Sie hat dem Verein eine Ausgangsposition verschafft, die Anfang November noch unrealistisch schien. 

 

Aufstockung der Liga zahlt sich aus


Die Ligaaufstockung von zwölf auf vierzehn Teams hatte vor dem Saisonstart Fürsprecher und Skeptiker. Ich fand den Schritt richtig und sehe das nach wie vor so. Die größere Liga ist ein Gewinn für den Frauenfußball. Das befürchtete Qualitätsgefälle ist bislang nicht zu erkennen, wozu sicherlich auch die drei Aufsteiger beigetragen haben. Erfreulich ist vor allem, dass das Tabellenmittelfeld enger zusammengerückt ist.


Klar, die Bayern spielen in ihrem eigenen Kosmos. Zwischen Platz drei und acht liegen jedoch nur fünf Punkte. Teams wie Werder Bremen (26 Punkte) und der 1. FC Köln (21 Punkte) haben sich unter den Trainerinnen Friederike Kromp (Bremen) und Britta Carlson (Köln) bemerkenswert entwickelt und stehen nach 14 Spielen so gut wie nie da.


Andere Teams wie Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen haben überraschend viele Punkte liegen lassen und mit Inkonstanz zu kämpfen. Qualitativ sind die Teams somit zusammengerückt. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Eindruck hält. Der Attraktivität der Bundesliga hat es in der Hinrunde jedoch gutgetan. Die Spiele sind unvorhersehbarer geworden – genau das wünscht man sich als Zuschauerinnen oder Zuschauer.


Auch der Abstiegskampf verspricht weiterhin Spannung. Essen hat die Kurve bekommen und selbst Carl‑Zeiss Jena ist nicht so chancenlos, wie es die Tabellensituation vermuten lässt. Insgesamt ist das eine gute und wichtige Entwicklung für die Liga. Mit der zunehmenden Professionalisierung vieler Lizenzvereine erscheint mittelfristig sogar eine Liga mit 16 Teams vorstellbar. Oder?


Aufstiegstrio als Glücksfall


Hamburg, Nürnberg und Union Berlin – ein Dreiklang, der bereits vor Saisonstart Lust auf die neue Saison gemacht hat. In der Hinrunde war jeder Aufsteiger auf seine Weise eine Bereicherung für die Liga.


Union Berlin ist dabei sicherlich der ambitionierteste Aufsteiger des Trios. Und ich bin mir daher sicher, ob in Köpenick alle mit der Ausbeute von 15 Punkte aus 14 Spielen zufrieden sind. Für die 1. Bundesliga war der Umbruch im Kader enorm, doch viele der neuen Spielerinnen fehlten lange verletzt – oder haben das erhoffte Niveau noch nicht erreicht. Auf Sicht wächst in Berlin ein Stammgast der Bundesliga heran. Das erste Jahr ist folgerichtig vor allem eine Erfahrungsreise. Der Zuschauerschnitt von 7.981 Zuschauerinnen und Zuschauern ist schon jetzt ein Spitzenwert der Liga.


In Nürnberg dürften sich hingegen alle über die bisherigen 15 Punkte in den Armen liegen. Das habe ich nicht erwartet. Hohe Niederlagen wie gegen Bayern (0:6) und den VfL Wolfsburg (1:6) blieben die Ausnahme. Nürnberg ist die 1. Bundesliga strategisch angegangen und sein Spielstil von Ballbesitz‑ auf Umschaltfußball umgestellt. Das hat sich ausgezahlt und ist zum Markenzeichen der Nürnbergerinnen geworden. Insbesondere die Arbeit von Trainer Thomas Oostendorp ist herauszuheben. Nastassja Lein gehörte zu den auffälligsten Spielerinnen der Hinrunde.


Einzig der Hamburger SV fremdelt noch mit der Rückkehr in die Bundesliga. Sieben Punkte und ein Sieg stehen nach 14 Spielen zu Buche. Trainerin Liese Brancao wirkt noch auf der Suche, wo sie mit dem überwiegend jungen Kader hinmöchte. Viele Wechsel und große Inkonstanz prägten die bisherige Saison.


Es gibt aber auch Lichtblicke: Die 17‑jährige Lotta Wrede zählt zu den spannendsten Offensivtalenten im deutschen Frauenfußball, Leni Eggert und Svea Stoldt sind nicht minder begabt. Melanie Brunnthaler ist im Sturm zudem eine Wucht. Noch hakt es beim HSV – doch mit einem Zuschauerschnitt von über 6.000 im Volksparkstadion wird das Potenzial in Hamburg deutlich.


Kreuzbandrisse müssen stärker diskutiert werden


Fast jeden Spieltag gab es zu Saisonbeginn eine neue Hiobsbotschaft durch einen Kreuzbandriss. Aktuell fallen bis zu 15 Bundesliga-Spielerinnen mit dieser langwierigen Verletzung aus – darunter Nationalspielerinnen wie Lena Oberdorf und Gianna Hofmann. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um ein neues Phänomen: Kreuzbandrisse treten im Frauenfußball seit Jahren in einer beunruhigenden Häufigkeit auf.


Ein UEFA‑Bericht aus dem Jahr 2025 zeigt auf, dass jedes Jahr etwa ein bis drei Prozent der Spielerinnen in europäischen Ligen einen Kreuzbandriss erleiden – vom Amateur‑ bis zum Profibereich. Dass der Frauenfußball stärker als der Männerfußball von solchen Verletzungen betroffen ist, liegt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie im anatomischen Bereich.


Doch konkrete Erkenntnisse, wie dieser Gefahr begegnet werden kann, sind rar. Präventionsprogramme, gezieltes und frühzeitiges Krafttraining, Schuhwerk, Platzverhältnisse, der weibliche Zyklus – viele Gründe stehen im Raum, vieles basiert aber auf dünner Wissensbasis. Das ist ein großes Versäumnis. Es braucht dringend mehr Forschung. Denn der Nachholbedarf rund um Kreuzbandrisse im Frauenfußball ist groß. Das Thema lag zu viele Jahren brach.

 
 
 

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