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Melissa Kössler: Empfehlung als Wücks "eierlegende Wollmilchsau"

10. Okt.
4 Min. Lesezeit

Bundestrainer Christian Wück sucht die ideale Stürmerin für sein Nationalteam. Gegen Australien hat Melissa Kössler mit zwei Treffern und guten Werten in der B-Note für sich geworben. Was für die 26-Jährige spricht – und wo noch Verbesserungspotenzial besteht.


Melissa Kössler im Trikot des Nationalteams
Foto: Markus Verwimp

 

Es war nicht leicht, den Überblick zu behalten, wer noch beim Nationalteam weilt – und wer nicht mehr. Der DFB-Reiseabteilung dürfte es zumindest nicht an Umbuchungsaufwand gemangelt haben. Fast täglich gab es neue Meldungen, welche Spielerinnen aufgrund von Verletzungen oder Erkrankungen gar nicht erst anreisten oder das Trainingslager verlassen mussten: Giulia Gwinn (Bänderriss), Vivien Endemann (Wadenverletzung), Larissa Mühlhaus (Infekt), Bibiane Schulze Solane (muskuläre Verletzung), Selina Cerci (Kniebeschwerden), Lea Schüller (Infekt).


Nationalteam überzeugt in der ersten Halbzeit gegen Australien


Von dem, was sich Christian Wück personell mit seinen Nominierungen vorgenommen hatte, musste der Bundestrainer zwangsläufig etwas abweichen. Was Wück hingegen freuen dürfte: Die Breite an Nationalspielerinnen ist qualitativ inzwischen so ausgeprägt, dass das gar nicht ins Gewicht fällt. Gegen Australien (4:2) zeigte das aufgestellte Team zwischen der 10. und 45. Minute mit zum Besten, was es bislang in der Ära Wück zu sehen gab. Hohe Systemdisziplin und ein überlegenes Positionsspiel, gerade gegen den Ball, führten zu vielen Ballgewinnen und enormer Spielkontrolle. Insgeheim dürfte sich Wück gedacht haben: Ja, so habe ich mir das vorgestellt. Äußerlich blieb er das gewohnte Nervenbündel, das zumeist von der TV-Kamera eingefangen wurde, wenn ihm offenbar irgendetwas nicht gefiel.


Dass diese Spielphase nicht nur gut aussah, sondern sich auch auf der Anzeigetafel bemerkbar machte, lag an Melissa Kössler. Angesichts der vielen offensiven Ausfälle war ihr Einsatz in der Sturmspitze fast alternativlos. Und ja: Die 26-Jährige hat bei ihrer ersten Startelfchance unter Wück viel Eigenwerbung betrieben.


Melissa Kössler: Ein Tor "geklaut", ein Tor als "Geschenk"


Da wäre zunächst das Offensichtliche: Kössler erzielte zwei Tore. Zu beiden Treffern gehört allerdings eine Fußnote. Beim 1:0 wäre Franziska Ketts Kopfball höchstwahrscheinlich auch ohne Kösslers Mithilfe über die Linie gegangen. Böse formuliert, hat Kössler ihrer Mitspielerin den Treffer womöglich „geklaut“. Ihr Instinkt, dem Ball in Tornähe nachzugehen, war jedoch absolut richtig. Zumal sie sich zuvor bei der Flanke am Fünfmeterraum von ihrer Gegenspielerin gelöst hatte, aktiv in der Szene blieb und sich ideal für einen Abstauber positionierte. Auch das zeichnet eine gute Mittelstürmerin aus.


Beim 2:0 spielte Kett ihr den Ball im Umschaltspiel herausragend in den Lauf. Kössler zog mit dem Ball aufs Tor zu, drehte nach innen ab und schloss gegen die Laufrichtung von Torhüterin Mackenzie Arnold ab. Ein guter Schuss, der allerdings wohl haltbar war. Ein kleines Geschenk der australischen Schlussfrau – auch wenn der Ball in ihrer Reichweite noch tückisch aufsetzte.


Abseits der Tore überzeugte Kössler mit guten Ansätzen in der B-Note als Stürmerin, heißt: als aktiver und mitspielender Teil des Teams. Etwas, was bei Wück im Notizbuch womöglich noch deutlich stärker berücksichtigt wird.


Als Mittelstürmerin mit Akzenten auch abseits der Tore


„Wenn man es kurz und knapp zusammenfassen will, hat sie ihre Chance genutzt. Sie hat genau das gemacht, was für uns eine Mittelstürmerin ausmacht: Sie hat Bälle verteidigt, Tore gemacht, die Bälle verteilt und war immer wieder anspielbar“, sagte Wück nach Spielschluss lobend im ZDF.


Im Grunde agierte Kössler als klassische Mittelstürmerin in der letzten Linie, die auf Anspiele lauerte oder in die Tiefe startete. Eine Rolle, bei der sie von ihrer Physis und Athletik profitiert. Um nachzusetzen. Um zweite Bälle zu gewinnen. Zwei Balleroberungen gelangen ihr gegen Australien in gefährlichen Zonen nahe des Strafraums. Dabei hinterließ sie einen durchsetzungsstarken Eindruck. Wück wird das registriert haben. Ohnehin war Kössler auch ohne Ball ständig in Bewegung, stets mit viel Zug zum Tor und löste sich von ihrer Gegenspielerin – erhielt dann jedoch nicht das Zuspiel.


Im Passspiel noch mit Luft nach oben


Geschärft ist ihre Spielweise sicherlich durch die National Women’s Soccer League (NWSL), die gemeinhin als 90-minütiger Turbo-Fußball im Vergleich zum europäischen Fußball gilt. Mehr Spieltempo, mehr Hin und Her, mehr Robustheit und Athletik, was womöglich auch die Spielkonzentration noch einmal ganz anders schult. Seit Januar spielt Kössler für das neu gegründete Franchise Denver Summit und machte auf Anhieb Schlagzeilen, als sie im März für den Klub die ersten drei Tore in der NWSL erzielte. Außerdem stieg Kössler damit erst zur zweiten Spielerin überhaupt auf, die in drei aufeinanderfolgenden Spielen zum Auftakt ihrer NWSL-Karriere traf.


Was gegen Australien allerdings ebenfalls auffiel: Kösslers Ablagen und Abspiele waren nicht immer ideal für ihre Mitspielerinnen. Oft fehlte es an Passgenauigkeit und Passschärfe. Exemplarisch dafür war eine Kontergelegenheit in der 68. Minute: Kössler spielte am Mittelkreis den Ball aus kurzer Distanz zu lasch in den Lauf von Cora Zicai, die dadurch das Tempo aus der Aktion nehmen musste. Auch das wird Wück registriert haben.


Wück auf der Suche nach seiner Stürmerin


Auf der Pressekonferenz wurde Wück anschließend gefragt, was für ihn eine ideale Stürmerin ausmacht. „Wir brauchen eine körperlich starke Spielerin, die Bälle verteilen, verteidigen und festmachen kann. Sie muss zudem torgefährlich sein und sich im Eins-gegen-eins durchsetzen können. Eine solche eierlegende Wollmilchsau wünscht man sich natürlich. Ich weiß aber auch, dass solche Spielerinnen sehr rar gesät sind.“


Er fügte noch an, dass er auf eine baldige Rückkehr von Giovanna Hoffmann hofft, die dieses Profil ausfüllen würde, und nannte als weitere Optionen Nicole Anyomi und Lea Schüller. „Wir haben eine gewisse Anzahl an Alternativen … Es ist im Moment noch ausbaufähig“, sagte Wück weiter. Sein Seufzer war an dieser Stelle kaum zu überhören.


Melissa Kössler hat aber zumindest gegen Australien den Finger gehoben, um mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2027 eine entscheidende Rolle in Wücks Gedankenspielen einzunehmen.

 
 
 

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