Redebedarf 4. Spieltag: Kulisse. Klartext. Kopie
Der vierte Spieltag der Frauen-Bundesliga ist Geschichte. Alara Sehitler hat einen Lieblingsgegner, Union Berlin muss nach der vierten Niederlage einige Probleme lösen, und das Nordderby bietet eine bemerkenswerte Kulisse, an der jedoch nicht alles toll ist.

Die Gesprächsthemen des 4. Spieltags:
Nordderby: Große Kulisse mit kleinen Abstrichen
Mit Schlusspfiff rannte die gesamte Bank jubelnd aufs Spielfeld. Szenen wie bei einem Einzug in ein Endspiel. Dabei war es lediglich ein Ligaspiel zu Saisonbeginn. Aber Gegner und vor allem Spielort hoben diese Partie in unermessliche Bedeutungssphären. Werder Bremen schlägt den Hamburger SV mit 1:0. Im Weserstadion. Vor 26.815 Zuschauerinnen und Zuschauern. Das macht was.
Statistisch lag der HSV überraschend in vielen Kategorien vorne – selbst bei den Abschlüssen (14:10). In der Spielanlage wirkte der Auftritt der Bremerinnen aber ausgereifter, mit guter defensiver Ordnung sowie einem stabilen Mittelfeldduo aus Juliane Wirtz und der 18-jährigen Marie Gmeineder. Beide schoben einiges an und fingen viel ab. Sicherlich, Lina Hausicke hat als „Aggressiv-Leaderin“ in so einem Spiel gefehlt (und damit eine Gelbe Karte im Spielberichtsbogen). Aber in Sachen Spielqualität kann Werder ihren Abgang auffangen.
Was letztlich den Unterschied ausmachte: Werder Bremen hat eine Kernkompetenz, der HSV nicht. Standardsituationen waren in der Vorsaison quasi das Steckenpferd der Bremerinnen – dank Larissa Mühlhaus. Es ist dem Trainerinnen- und Trainerteam um Frederike Kromp hoch anzurechnen, dass diese Stärke auch ohne die Ausnahmespielerin Mühlhaus weiter funktioniert. Die Rolle von Mühlhaus hat nun Luna Vanzier übernommen: Gegen Hamburg fiel der Siegtreffer von Isabella Jaron nach einer Ecke von Vanzier. Für die Belgierin war es bereits der dritte Assist im vierten Spiel nach einem Eckball.
Insgesamt muss ich gestehen, dass ich Bremen aufgrund der vielen personellen Kaderwechsel im Sommer unterschätzt habe: Vanzier, Jaron, Elena D’Hont und vor allem Mei Shimada haben sich nach wenigen Wochen als echter Gewinn für Werders Offensive bestätigt. Chapeau an das Trainerinnen- und Trainerteam für die schnelle Integration. Wenn dann ebenfalls Spielerinnen wie Lilli Purtscheller oder Medina Desic als hilfreiche Impulsgeberinnen von der Bank kommen, spricht das für eine gute Kaderplanung.
Erfreulich für jeden Fußballfan sind die Comebacks nach einer Verletzungspause von Tuana Mahmoud aufseiten von Werder und Lotta Wrede beim HSV. Beide wurden in der Schlussphase eingewechselt. Insbesondere bei Wrede war sofort zu sehen, wie sie als Fixpunkt mit ihrer Ballsicherheit und Dribbelstärke das Spiel des HSV bereichert.
Weniger erfreulich aus persönlicher Sicht war der massive Einsatz von Bengalos im Bremer Fanblock. Gewiss wird es nun Leute geben, die mit der Stimmung und den Emotionen eines Derbys argumentieren. Gehört dazu? Nein. Die Fankultur im Männerfußball sollte nicht automatisch Einzug in den Frauenfußball erhalten, nur weil es nun eine größere Bühne gibt. Denn der Frauenfußball hat bislang größtenteils andere Fangruppen angesprochen als der Männerfußball. Für viele steht sogar eine bewusste Abgrenzung dahinter.
So begrüßenswert und beeindruckend der riesige Support der Bremer Fanszene in diesem Spiel war – sich auf großer Bühne den Frauenfußball mit dem Fanverhalten aus dem Männerfußball zu eigen zu machen, halte ich für problematisch. Aber ob das bei solchen Spielen zu verhindern ist? Zweifelhaft.
Union Berlin: Klartext erforderlich
Die Ernüchterung war den Spielerinnen von Union Berlin nach Schlusspfiff deutlich anzusehen. Es waren nicht die üblichen Gesichter nach einer Niederlage, sondern vielfach leere Blicke, die suggerierten: Was ist eigentlich gerade los? Vier Spiele, vier Niederlagen. Die hochgehandelten Berlinerinnen sind spätestens nach dem 0:3 beim 1. FC Köln in eine Situation gerutscht, in der viel Redebedarf besteht. Denn einiges an Problemen wiederholt sich inzwischen.
Es fehlt die Ruhe im Ballbesitz, es fehlen die einfachen Aktionen. Zu oft ist ein Zuspiel zu ungenau, zu riskant, zu weit oder schlicht in die Füße einer Gegenspielerin. Köln wiederum ist mit seinem aggressiven Spielstil und großer Zweikampflust gewiss ein undankbarer Gegner. Was jedoch auffiel: Auch Freiburg setzte Berlin am zweiten Spieltag im Pressing enorm zu – auch da fand Union keine Lösungen und verlor 0:1. Gerade im Aufbauspiel wiederholten sich nun viele Unsicherheiten im Spiel der Berlinerinnen. Torhüterin Nadine Böhe erwischte zudem einen Tag, der einfach schnell abgehakt werden muss – samt unglücklichem Eigentor.
Köln war giftig und lauerte erfolgreich auf Fehler. Am Ende kam Köln nicht nur zu drei Treffern, sondern auch zu einem Expected-Goals-Wert von 3,69. Angesichts der Torchancen wäre sogar eine höhere Niederlage für Union möglich gewesen. 17 Abschlüsse verbuchte Köln zudem innerhalb des Sechzehners. Eindeutig zu viel aus Berliner Sicht.
60 Prozent Ballbesitz sprachen zwar für eine Überlegenheit gegen Köln, die auf dem Spielfeld aber nie zu sehen war, weil Union den Ball selten wirklich strukturiert in die Nähe des Sechzehners brachte. Zunächst ging es zumeist über die linke Seite und Naike Reissner, die oft in die Tiefe geschickt wurde, aber selten die nötige Unterstützung bekam. Insgesamt fehlte es an Anbindung und Verbindung ins Angriffsdrittel – auch das ist ein wiederkehrendes Problem der vergangenen Spiele. Sophie Weidauer, dieses Mal in der Sturmspitze, kam bis zu ihrer Auswechslung in der 56. Minute auf 14 Ballkontakte und keinen Abschluss. Sie konnte schlicht nicht in Szene gesetzt werden. Insgesamt scheint Union noch Probleme zu haben, bei Angriffen eine vernünftige Strafraumpräsenz aufzubauen.
„Wir haben im Verlauf des Spiels in vielen Bereichen zu viel vermissen lassen. Dann geraten wir in Rückstand und haben gerade Probleme damit, mit Rückschlägen umzugehen“, sagte Trainerin Marie-Louise Eta mit klaren Worten. Klartext dürfte es nun auch intern geben.
Erstaunlich an dieser Null-Punkte-Bilanz ist, dass kaum jemand das hat kommen sehen. Auf dem Papier ist der Kader aufgrund der individuellen Qualität zu Höherem berufen. Warum die vielen neuen Spielerinnen noch nicht in eine funktionierende Spielidee integriert worden sind, muss Eta nun lösen. Langsam wird es Zeit.
Alara Sehitler: Kopie gegen Bayer Leverkusen
Für den Dreiklang mit dem Buchstaben „K“ gab es zwischen Leverkusen und dem FC Bayern nun wirklich viele Möglichkeiten. „Karacho“ aufgrund der Weitschusstreffer von Paulina Tomasiak, vielleicht auch „Köpfchen“ durch die beiden Ausgleichstore per Kopf der Münchenerinnen. Auch „Knockout“ wäre eine Option gewesen. Denn der FC Bayern gewann letztlich so, wie Spitzenteams oft siegen und wie es für die unterlegenen Gegner besonders schmerzhaft ist: Alara Sehitler entschied das Spiel mit dem 3:2-Siegtreffer in der 88. Minute.
Es ist aber das Wort „Kopie“. Denn Geschichte wiederholte sich: Bereits vor zwei Jahren traf Alara Sehitler in einem umkämpften Spiel als Einwechselspielerin spät zum 3:2-Siegtreffer gegen Leverkusen. Damals nahm Fußball-Deutschland erstmals Notiz von der 17-Jährigen. Nun wird sie hoffen, dass dieser Treffer ihr erneut Rückenwind gibt. Nach einer Verletzung in der vergangenen Rückrunde ist Alara Sehitler aktuell nicht erste Wahl bei Trainer José Barcala.
Es war ein Spiel mit unterschiedlichen Phasen. Die einzige Konstante: die Kommandoschreie von Leverkusens Trainer Roberto Pätzold von der Seitenlinie. Diese Partie muss Pätzold eigentlich genauso erschöpft haben wie manche Spielerin. Seine Stimmbänder dürften reif für die Eistonne sein. Sein Team lief erst chancenlos hinterher, lieferte dem FC Bayern dann aber einen Fight, den der amtierende Meister in der Liga in dieser Form schon lange nicht mehr annehmen musste. Stellvertretend stand dafür Tomasiak: Erst wirkte sie als Unsicherheitsfaktor, dann traf sie doppelt – einmal per Freistoß, den Jovana Damnjanović mit ihrer Schulter unhaltbar ins eigene Tor abfälschte, dann mit einem Strahl aus 18 Metern bei freier Schussbahn.
Das Problem für den Rest der Liga: Der FC Bayern ist national schlicht nicht mehr in die Knie zu zwingen, selbst wenn es Rückschläge wie die beiden Gegentore gibt. Die Qualität ist zu groß, um nicht noch zu mehreren Torchancen zu kommen. Und irgendwann fallen die Tore. Dieses Mal half zunächst eine Schlüsselkompetenz von Giulia Gwinn: feine Chipbälle, die meistens Köpfe von Münchenerinnen finden. Erst traf Vanessa Gilles nach einem Gwinn-Ball per Kopf zum 1:1, später bekam ebenfalls Edna Imada solch einen maßgeschneiderten Luftball zum 2:2 serviert. Und dann traf Alara Sehitler mit freier Schussbahn zum 3:2.
Nach Spielende deutete Bayern-Trainer José Barcala seinem Kollegen Pätzold mit einer Handgeste an, dass dieses Spiel ihn sinnbildlich „gekillt“ hätte. Ein Kompliment. Bleibt zu hoffen, dass Pätzold nach der Partie noch genug Stimme hatte, seinem Team trotz der Niederlage dieses Lob für die intensive und mutige zweite Halbzeit weiterzugeben.
Was war sonst noch?
RB Leipzig sammelte beim 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg den ersten Saisonsieg – dank Doppelpackerin Emilia Asgeirsdottir. Die erste Saisonniederlage kassierte hingegen Aufsteiger VfB Stuttgart beim 0:2 gegen den VfL Wolfsburg, der erneut auf seine beiden Ausnahmespielerinnen der ersten Saisonwochen setzen konnte: Ella Peddemors und Cora Zicai erzielten die Tore. Auch hier unnötig: Die blauen Bengalos, die auf den Platz geworfen wurden.
Aufsteiger FSV Mainz wartet nach dem 0:3 gegen den SC Freiburg weiter auf die ersten Saisonpunkte, während beim Sportclub bemerkenswerterweise mit Ilayda Acikgöz, Carina Brunold und Emma Memminger drei Sommerzugänge trafen.
Ebenfalls ohne Punkte bleibt die TSG Hoffenheim, die gegen Frankfurt früh mit 0:1 in Rückstand geriet und zudem Abwehrspielerin Svenja Vöhringer in der 18. Minute nach einer Notbremse verlor. Umso beeindruckender war es, dass die TSG mit Beginn der zweiten Halbzeit mit 2:1 in Führung ging. Am Ende drehte die Eintracht die Partie allerdings noch zum 4:2.



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