Union Berlin: Ein Aufsteiger wird erwachsen
- 9. Apr.
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Aktualisiert: 14. Mai
Der 1. FC Union Berlin tritt inzwischen wie ein etablierter Bundesligist auf - anders als in der Hinrunde. Was hat sich im Spiel verändert, welche Personalien sind entscheidend? Die positive Entwicklung ist zumindest unverkennbar – trotzdem bleibt Union gelegentlich ein Rätsel. Ein Blick auf die Rückrunde.

27 Punkte nach 22 Spielen: So gut wie der 1. FC Union Berlin war kein Liganeuling mehr seit der Saison 2005/06, als der TSV Crailsheim 30 Zähler sammelte. Für den Verein ein Grund zu Feiern – obwohl man natürlich anmerken kann: Naja, bei den Ressourcen und finanziellen Mitteln, die Union in sein Frauenteam steckt, ist das keine große Überraschung. Das soll das Erreichte aber nicht schmälern. Denn nach der Hinrunde sah es keineswegs nach dieser Bilanz aus – zwölf Punkte standen damals nach 13 Partien auf dem Konto. Genau darum geht es in diesem Text: Die Verbesserungen im Spiel der Union.
An Ambitionen mangelte es im Berliner Stadtteil Köpenick nie. Sechs Punkte mehr als in der Hinrunde gab Union-Geschäftsführerin Jennifer Zietz dem Team als Neujahrsvorsatz für die Rückrunde mit auf den Weg. Das klang mutig – und war rückblickend genau der richtige Ton: Nach neun Rückrundenspielen hat Union bereits 15 Zähler geholt. Aus den vier verbliebenen Partien fehlen also nur noch drei Punkte, um die Geschäftsführerin zufrieden zu stellen.
Union Berlin hat sich mehr defensive Stabilität erarbeitet
Der Zuwachs auf dem Punktekonto ist das eine. Das andere ist der Eindruck, dass sich auch das Spiel des Teams insgesamt verbessert hat. Eine auffällige Entwicklung hat der Blog „Die Schlosserinnen“ nach dem 4:1-Erfolg gegen Werder Bremen treffend zusammengefasst:
„Die Abstände zwischen den Linien haben gestimmt, die Ketten waren sauberer aufeinander abgestimmt, und vor allem hatte man das Gefühl, dass jede Spielerin wusste, wo sie zu stehen hat und welche Räume sie besetzen muss.“
Kurz gesagt: Union hat sich im Laufe der Rückrunde deutlich stabilere Abläufe in der Defensive erarbeitet und wirkt eingespielter. Es geht um eine verinnerlichte Verteidigungsstrategie – und darum, wann und wie Gegnerinnen unter Druck gesetzt werden. Die Folge: mehr Sicherheit im eigenen Spiel, die den Unionerinnen in den vergangenen Wochen anzumerken ist. Der Expected-Assists-Wert (xA) der Union-Gegnerinnen, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pass direkt zu einem Torabschluss führt, ist seit Jahresbeginn auf 0,96 pro Spiel gesunken; zuvor lag er bei 1,18.
Bis zum Winter klafften im Abwehrdrittel oft Lücken, weil die Abstimmung nicht passte. Zu häufig bot Union zudem Passwege und Räume in die Tiefe an – und brachte sich damit unnötig oft in defensive Bredouille. Wobei Trainerin Aileen Poese auch regelmäßig durch Verletzungen rotieren musste. Das hat sich gebessert.
Lia Kamber und Tanja Pawollek - zwei Stabilisatorinnen für Union
Einen großen Anteil daran schreibe ich dem neuen Mittelfeldzentrum zu. Lia Kamber wechselte im Winter vom FC Basel nach Berlin, Tanja Pawollek gehört bereits seit Sommer zum Kader, kommt aber wegen einer langen Verletzungspause erst in der Rückrunde richtig zum Zug. Was sie zu Unions Spiel hinzugefügt haben: Ein stärkeres Spielverständnis und eine Sicherheit in den Aktionen, die – gefühlt – auch die Mitspielerinnen erreicht. Beide haben zudem eine bessere Verbindung zwischen Defensiv- und Offensivspiel herbeigeführt.
Für eine Mittelfeldspielerin ist Pawolleks Passquote laut „Sofascore“ 81,2 Prozent gehobenes Niveau, zumal 75 Prozent ihrer Pässe in der gegnerischen Hälfte ankommen. Auch Kamber trägt dazu bei, dass Unions Offensivspiel inzwischen präziser ist, insbesondere im Zusammenspiel mit Hannah Eurlings, einem weiteren „neuen“ Gesicht.
Eurlings bekam im Sommer das Etikett „Toptransfer“ der Berlinerinnen umgehängt, musste verletzungsbedingt jedoch die Hinserie aussetzen. Allmählich zeigt sich, was sich Union von ihr versprochen hat: mehr Dynamik, Tempo und Physis im Offensivspiel – aber auch die Übersicht, Mitspielerinnen in Szene zu setzen. Seit Eurlings zur Startelf gehört, läuft vieles bei Union über ihren linken Flügel. In den vergangenen beiden Partien gegen Wolfsburg (3:3) und Bremen (4:1) steuerte sie ihre erste Vorlage und ihre ersten zwei Tore bei.
Statt Ungeduld nun mehr Kontrolle im Spiel von Union Berlin
Pawollek, Kamber und Eurlings – sie sind die auffälligsten „Neuerungen“ bei Union. In Summe wirkt aber das gesamte Spiel ausgereifter als in weiten Teilen der Hinrunde, als ich das Gefühl hatte, dass gerade nach vorn vieles zu ungeduldig und zu unüberlegt ausgespielt wurde. Ein Indiz: Seit Jahresbeginn spielt Union im Schnitt 61,88 angekommene Pässe pro Partie im Angriffsdrittel (Passquote: 62,03 Prozent) – in den 14 Spielen bis zur Winterpause waren es 54,64 (Passquote: 58,38 Prozent).
Der Zusammenhang ist an dieser Stelle nur eine Vermutung, aber mehr Kontrolle im Offensivspiel könnte auch andere Statistiken begünstigt haben: Der Expected-Goals-Wert (xG) ist von 1,45 pro Spiel in den 14 Partien 2025 auf 1,58 in den acht Partien 2026 gestiegen. Bei den Abschlüssen pro Partie liegt Union mit 13,6 auf Rang fünf der Liga. Seit Jahresbeginn landen davon 49,54 Prozent aufs Tor – zuvor waren es nur 37,25 Prozent.
Passivität in entscheidenden Spielphasen als altes Muster
Einige Auffälligkeiten bekommt das Team hingegen nicht abgestellt: Dass sich Union in Überzahl in Wolfsburg spielerisch „erdrücken“ lässt und in der Nachspielzeit noch den 3:3-Ausgleich kassiert, ist ebenso bemerkenswert wie die 1:2-Niederlage gegen Leverkusen, als Union ebenfalls in Überzahl eine 1:0-Führung aus der Hand gab. Es ist diese Passivität in entscheidenden Spielphasen, auf die ich mir keinen Reim machen kann. Ebenso unerklärlich ist das 1:2 Anfang Februar gegen Carl Zeiss Jena: Union war überlegen, im Abschluss aber von der Rolle – 22 Schüsse, jedoch nur ein Expected-Goals-Wert von 1,01. Trotzdem überwiegt für mich der Gesamteindruck, dass Union inzwischen über längere Phasen ein hohes Niveau abrufen kann.
Poese hinterlässt eine gute Basis
Die aktuelle Serie von fünf ungeschlagenen Spielen fällt mit der Ankündigung von Trainerin Aileen Poese zusammen, im Sommer als Trainerin des Bundesligateams aufzuhören. Aber ob das eine mit dem anderen zusammenhängt – wer will das von außen seriös beantworten? Für Poese ist der Aufschwung vor allem ein wohltuender Abschied.
Als Nachfolgerin hat der Verein jüngst Marie-Louise Eta bekanntgegeben. Eine interne Lösung: Eta hat seit 2023 verschiedene Aufgaben im Verein durchlaufen. Ihre Beförderung ist öffentlich mit viel Zustimmung aufgenommen worden. Sie dürfte ab Sommer ein Team mit vielversprechender Basis vorfinden, das in der Liga angekommen, aber noch nicht fertig ist.
Was dem Kader beispielsweise aktuell für höhere Tabellenregionen fehlt, ist eine Spielerin, die verlässlich trifft. Bis auf den SC Freiburg haben alle Teams, die vor Union in der Tabelle stehen, mindestens eine Akteurin, die zweistellig getroffen hat. Bei Union führt Lisa Heisele das interne Ranking mit sieben Treffern an. Potenziell schlummert zumindest in Eurlings eine solche Spielerin.
Das beste zweite Jahr eines Aufsteigers in der Bundesliga-Historie legte übrigens der FC Bayern München in der Spielzeit 2001/02 hin: 40 Zähler nach 22 Spieltagen. Vielleicht ja ein Ziel, das Union in der kommenden Saison anvisiert.



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