1. FC Köln: Wie baue ich mir ein potenzielles Spitzenteam?
- 13. Feb.
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Aktualisiert: 14. Feb.
Der 1. FC Köln spielt die beste Saison seiner Geschichte in der Frauen-Bundesliga. Und macht nicht den Eindruck, als sei nicht noch deutlich mehr drin. Was hat der Verein richtig gemacht? Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Wenn wir ein Jahr zurückreisen, und der 1. FC Köln hätte ein 0:0 gegen die SGS Essen geholt, wären die Verantwortlichen damit vermutlich zufrieden gewesen. Damals hatte der Verein seinen festen Platz im unteren Tabellendrittel, der Klassenverbleib stand über allem. Da war jeder Punkt herzlich willkommen.
Ein Jahr später ist ein torloses Remis gegen Essen hingegen eine tiefe Enttäuschung. In Köln herrscht inzwischen ein anderes Selbstverständnis. Fakt ist: 25 Punkte sind bereits jetzt Vereinsrekord, sogar Europacupplatz drei ist noch in realistischer Reichweite. Köln ist dabei kein glücklicher Überperformer, sondern hat sich diese Punkte absolut verdient. Der Klub hat anschaulich vorgemacht, wie ein Team einen enormen Entwicklungssprung erreichen kann. Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Erster Schritt: die richtige Trainerin/den richtigen Trainer finden
Mittlerweile liegt hinter Britta Carlsons ihr einjähriges Dienstjubiläum. Als sie im Januar 2025 beim 1. FC Köln anfing, betrat sie gewissermaßen Neuland: Erstmals übernahm sie einen Verein als Cheftrainerin. An Erfahrung mangelte es der 46-Jährigen allerdings nicht. Zuvor arbeitete sie jahrelang als Co-Trainerin beim VfL Wolfsburg und beim deutschen Frauen-Nationalteam.
Menschlich lässt sich Carlson von mir nur anhand ihrer öffentlichen Auftritte beurteilen. Dabei kommt sie empathisch, authentisch und unaufgeregt rüber – zugleich mit klaren Ansagen und ehrlichen Aussagen. Das dürfte sich auch auf ihre Teamleitung übertragen. Und macht es vermutlich leichter, Spielerinnen zu führen und zu fördern.
Ende Januar verlängerte Köln frühzeitig mit Carlson bis 2028. Die Verantwortlichen um Bereichsleiterin Nicole Bender-Rummler haben ein gutes Gespür bei der Trainerinnenwahl bewiesen.
Zweiter Schritt: der richtige Zeitpunkt
Dieser Punkt lässt sich kaum beeinflussen, spielte Carlson und ihrem Trainerinnen- und Trainerteam aber gewiss in die Karten. Als sie gemeinsam im Januar 2025 ihre Arbeit in Köln aufnahmen, befand sich der 1. FC Köln zwar nahe der Abstiegszone, musste de facto aber kaum Abstiegsangst haben. Denn: Turbine Potsdam lag abgeschlagen und chancenlos am Tabellenende und aufgrund der Liga-Aufstockung auf 14 Teams zur Saison 2025/26 gab es damals nur einen Abstiegsplatz.
Für Carlson war das im Prinzip die ideale Ausgangslage: Selbstredend durfte nicht jedes Spiel verloren gehen, die Resultate waren letztlich aber zweitrangig. Carlson konnte so ein halbes Jahr lang mit den Spielerinnen an ihren Vorstellungen arbeiten – ohne Ergebnisdruck.
Dritter Schritt: das richtige Coaching
Womöglich ist es der wichtigste Punkt auf dem Weg zu einem Spitzenteam. Carlson und ihr Trainerinnen- und Trainerteam haben innerhalb eines Jahres in Köln Bemerkenswertes erreicht – was fast zu wenig gewürdigt wird. Exemplarisch verweise ich auf das Rückrundenspiel gegen den VfL Wolfsburg: Über fast 60 Minuten dominierte Köln die Partie mit diszipliniertem Stellungsspiel und gutem Pressing. Dass die Partie am Ende dennoch mit 1:2 verloren ging, lag an der individuellen Klasse der Wolfsburgerinnen. Dass Köln als Team trotzdem lange auf Augenhöhe dagegenhielt, lag am Matchplan, den Carlson und Co. für ihre Spielerinnen ausgearbeitet hatten. Das ist gutes Coaching.
In dieser Spielzeit haben etliche Spielerinnen einen sichtbaren Entwicklungsschritt nach vorn gemacht, darunter Celina Degen, Sara Agrez, Anna Gerhardt, Anna-Lena Stolze sowie Laura Vogt und Martyna Wiankowska. Als Team steigert sich Köln mit fortschreitender Saison zudem kontinuierlich.
Unter Carlson haben die Spielerinnen ein funktionierendes Spielsystem verinnerlicht. Taktisch ist Köln eines der gefestigtsten und strukturiertesten Teams der Liga – mit enormer Konstanz. In Zahlen: Mit bislang 20 Gegentoren stellt Köln hinter Bayern die zweitbeste Defensive der Liga. Offensiv gibt es hingegen noch Potenzial nach oben: Bei Torschüssen pro Spiel (5,3), Passquote (70,3) und Ballberührungen im gegnerischen Strafraum (349) gehört Köln nur zum Mittelmaß. Die Entwicklung innerhalb eines Jahres ist trotzdem beeindruckend.
Vierter Schritt: die richtigen Verstärkungen
Bei der Kaderzusammenstellung für diese Saison zogen die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse. Während viele Klubs auf Talentsuche gehen, verpflichtete Köln vor allem erfahrene Spielerinnen. Carlson suchte nach eigenen Angaben eine „Siegermentalität“ für den Kader. Geholt wurden Spielerinnen wie Marina Hegering (35), Pauline Bremer (29) und Torhüterin Lisa Schmitz (33), die in ihrer Karriere bereits Titel gewannen und ein anderes Anspruchsdenken ins Team tragen sollten. Dieser Gedanke ist aufgegangen.
Als Volltreffer erwies sich zudem der späte Transfer von Sandra Maria Jessen: Neun Tore gehen bislang auf das Konto der 31-jährigen Isländerin. Sie ist eine Torjägerin, wie Köln sie lange nicht mehr hatte.
Selbst die Schulterverletzung von Kapitänin Hegering ab Mitte November warf Kölns Defensive nicht entscheidend zurück – ein Ausdruck der Gesamtentwicklung. Schmitz fehlt dem Team ebenfalls seit Saisonbeginn wegen einer Muskelverletzung. In ihrer Abwesenheit etablierte sich unerwartet die 20-jährige Irina Fuchs vorerst als verlässliche Nummer eins. Etwas Glück braucht es manchmal auch.
Fünfter Schritt: sichtbare Entwicklung im Umfeld
Mit Theresa Merk holte der Verein im Sommer eine erfahrene Fachfrau als neue Akademieleiterin hinzu. Außerdem stehen den Frauen sämtliche Einrichtungen wie den Männern zur Verfügung. Ab voraussichtlich 2027 bietet der abgeschlossene Ausbau des Geißbockheims dann noch professionellere Bedingungen.
Gepaart mit der sportlichen Entwicklung dürften die Verantwortlichen um Nicole Bender-Rummler selten bessere Argumente gehabt haben, um Spielerinnen in Köln zu halten. Innerhalb weniger Wochen gab der Verein die Vertragsverlängerungen von Celina Degen, Vanessa Leimenstoll, Sandra Maria Jessen und Laura Vogt bekannt. Alle unterschrieben bis 2028.
Gerade bei Jessen und Vogt ist anzunehmen, dass renommierte Klubs an ihnen interessiert waren. Und vor einem Jahr hätten beide möglicherweise einem Wechsel noch zugesagt. Doch der aktuelle Weg des Vereins ist überzeugend. Nicht unwichtig: Auch Co-Trainerin Jacqueline Dünker verlängerte bis 2028 – und nimmt dieses Jahr am DFB-Kurs zur Trainer-Prolizenz teil.
Bei Fertigstellung ein Spitzenteam der Liga?
Dem 1. FC Köln ist in dieser Saison der Vorstoß ins Tabellenmittelfeld gelungen – nicht durch Zufall, sondern durch viele richtige Entscheidungen. Der Verein hat bei entscheidenden Personalien Kontinuitäten geschaffen, ein wichtiges Signal. Mit der gestiegenen Strahlkraft ist der kommende Transfersommer der Kölnerinnen mit Spannung zu beobachten: Welche Spielerinnen hält der Verein für den nächsten Leistungsschritt für sinnvoll? Und wie entwickeln Carlson und ihr Team das Spielsystem weiter?
Das Fundament wirkt in Köln derzeit jedoch vielversprechender denn je, um den Klub künftig als Top-fünf-Team der Bundesliga zu etablieren – und sich das Label „Spitzenteam“ zu verdienen.



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