Eintracht Frankfurt: Hallo Mittelmaß?
- 8. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb.
Die Hinrunde verlief ernüchternd. Die Gründe liegen in der Kaderqualität und spielerischen Problemen. Im Sommer wartet nun die nächste Belastungsprobe. Ist das „Gütesiegel“ Spitzenteam in Gefahr?

Wie Niko Arnautis den Jahreswechsel verbracht hat, ist öffentlich nicht überliefert. Vermutlich dürfte Frankfurts Trainer den Abend aber mit einer gewissen Erleichterung erlebt haben: Endlich ist dieses vermaledeite Jahr 2025 vorbei – neues Jahr, frisches Mindset. Zumindest gilt das für die sportlichen Belange. Dabei hatte 2025 für die Eintracht eigentlich vielversprechend begonnen: Als Herbstmeister ging das Team in die Rückrunde 2024/25, ehe die Titelchance durch Niederlagen gegen die Konkurrenz aus München und Wolfsburg dahin war, der Transfersommer unglücklich verlief und die aktuelle Spielzeit mehr Nerven kostet als Freude bringt. Platz fünf steht nach 14 Spieltagen zu Buche – 17 Punkte hinter Tabellenführer Bayern München.
Dass die Münchnerinnen aktuell kein Maßstab mehr sind, wissen sie auch in Frankfurt. Doch dass Standorte wie Bremen und Hoffenheim in der Tabelle vor den Hessinnen stehen, dürfte intern durchaus auf die Laune drücken. Zwar hat der 4:1‑Sieg zum Jahresabschluss gegen die SGS Essen die Bilanz etwas aufgehübscht, insgesamt aber läuft die Eintracht Gefahr, ihr Gütesiegel „Spitzenteam“ zu verlieren. Das Mittelmaß rückt näher.
Offensiv ist Frankfurt fahrlässig und zu inkonstant über 90 Minuten
Dazu ein exemplarischer Blick auf den Hinrundenabschluss bei Union Berlin. Frankfurt dominierte offensiv die erste Halbzeit, bekam zahlreiche hochkarätige Abschlusschancen, vergab aber fast alle davon (ich muss es leider so sagen) kläglich. Ein Abspiel zu viel, ein Gedanke zu viel, eine Sekunde zu lang gewartet: Dass Frankfurt zur Pause lediglich 1:0 führte, musste kollektives Kopfschütteln auslösen. Passend dazu der O‑Ton von Kapitänin Laura Freigang bei MagentaSport: „Wir spielen gerade gegen uns selbst.“
Das Selbstverständnis wirkt ramponiert, die Zweifel offenbar zu präsent. Das betrifft derzeit viele Eintracht‑Spielerinnen – Freigang inklusive, die bislang bei nur drei Saisontoren steht. Auch eine Ausnahmespielerin wie Géraldine Reuteler blieb bislang deutlich unter ihren Möglichkeiten.
Qualitätsverlust im Spielaufbau macht Eintracht Frankfurt angreifbar
Das Spiel bei Union endete übrigens 2:2. An die gute erste Halbzeit konnte Frankfurt nicht anknüpfen, stattdessen übernahm Union zunehmend mehr Spielkontrolle. Auch das ist ein Muster dieser bisherigen Saison. Und es richtet sich auch gegen Trainer Arnautis: Seine Wechsel waren in der Hinrunde nicht immer glücklich – vor allem kamen sie häufig zu spät, um rechtzeitig neue Impulse zu setzen. Ein Kritikpunkt, der Arnautis schon länger begleitet. Passend dazu die Ergänzungen von Freigang: „Das sind wir nicht gewohnt aus den letzten Jahren, so viele Punkte so bitter liegen zu lassen.“ Und: „Es ist die gesamte Saison ein bisschen der Wurm drin. Es ist extrem hart, damit umzugehen.“
Dieser „Wurm“ beginnt in der Defensive – insbesondere im Spielaufbau aus der Abwehr heraus. Der Qualitätsverlust durch die Sommerabgänge von Sara Doorsoun (Angel City FC) und Sophia Kleinherne (Wolfsburg) ist in diesem Bereich deutlich erkennbar.
Es fehlt an Ruhe und Spielstärke, was zu häufigen Ballverlusten im Aufbau führt. Zudem mangelt es im Zentrum an Stabilisatorinnen wie Tanja Pawollek (im Sommer zu Union Berlin) und Barbara Dunst (zu Bayern), die zuvor entscheidend für das Verbindungsspiel zwischen Defensive und Offensive waren. Nationalspielerin Elisa Senß fängt im Mittelfeld derzeit zwar viel ab, wirkt nach der EM jedoch überspielt.
Ins Gewicht fällt ebenso der Wechsel von Außenverteidigerin Carlotta Wamser nach Leverkusen – defensiv wie auch im Hinblick auf offensive Impulse. Es sind allesamt Abgänge, deren Auswirkungen die Verantwortlichen womöglich unterschätzt haben. Die Eintracht ist im Sommer den Weg eines dezenten Neuaufbaus gegangen. Es wurde allerdings zu viel auf einmal eingerissen.
Zu viele Fehler in der Eintracht-Defensive
Das Spiel der Eintracht wirkt seitdem instabil. Die Konsequenz sind bislang 28 Gegentore nach 14 Spielen. Immerhin trifft die Offensive um Topstürmerin Nicole Anyomi trotz der vielen ausgelassenen Torchancen regelmäßig: 34 Treffer sind der drittbeste Wert der Liga. Wobei es im Vorjahr nach 14 Spieltagen bereits 50 Tore waren – und nur sieben Gegentreffer.
Die Zahl der individuellen Fehler ist defensiv schlicht zu hoch. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich eine neue Innenverteidigung aufgrund zahlreicher Verletzungen bislang nicht einspielen konnte. Häufig wirkt die Abstimmung nach Ballverlusten konfus; insbesondere im Sechserraum entstehen immer wieder große Lücken. Nürnberg konterte die Eintracht beim fulminanten 5:3-Erfolg beispielsweise mehrfach aus. Hinzu kommt gelegentlich ein unglückliches Zweikampfverhalten in gefährlichen Zonen.
Hohe Belastung als Ursache für die Leistungsschwankungen?
Niko Arnautis führt die Schwankungen teilweise auf die hohe Belastung zurück, da Frankfurt zusätzlich sechs internationale Partien absolvierte. „Für viele Spielerinnen ist es heute Spiel Nummer 25 oder 26. Dass das ein oder andere nicht so flutscht wie im Sommer, wenn es losgeht, ist ja auch völlig normal“, sagte Arnautis zum Hinrundenabschluss.
Das ist sicherlich ein Argument – zumal einige Verletzungen den Kader zeitweise ausgedünnt haben. Es trifft den Kern aber auch nur zum Teil. Kapitänin Laura Freigang verneinte bei MagentaSport, dass konditionelle Defizite ein Grund für die ausbleibenden Ergebnisse seien. Für sie ist es vor allem Kopfsache.
Dass die Eintracht dort steht, wo sie steht, ist nicht unverdient. Für Arnautis dürfte es eine der herausforderndsten Spielzeiten der vergangenen Jahre sein. Steht der 45-Jährige zur Debatte? Eher nicht. Der Verein stärkt ihm öffentlich den Rücken. Grundsätzlich ist alles noch zu reparieren – drei Punkte fehlen auf Platz drei und Werder Bremen. Ein Rettungsanker sind die Pokalwettbewerbe: Im Europacup und im DFB-Pokal steht Frankfurt jeweils im Viertelfinale. Sportlich zählt allerdings in erster Linie die Liga. Und dort braucht es eine deutlich bessere Rückrunde. Ansonsten könnten nach Saisonende doch Fragen nach dem großen Ganzen aufkommen.
Doorsoun zurück in Frankfurt, Peter als Sportdirektorin gleich gefordert
Es gibt derweil auch gute Signale für die Eintracht. Doorsoun kehrt nach einem halben Jahr bei Angel City FC zurück und soll in der Rückrunde die Defensive stabilisieren. Babett Peter füllt seit dem 1. Januar den Posten der Sportdirektorin aus. Sie bringt Management-Erfahrung aus dem US-Fußball mit und verantwortet fortan die Kaderplanung.
Für Peter stehen allerdings sofort heikle Fragen an: Die Verträge von Anyomi und Reuteler laufen im Sommer aus. Sollte die Eintracht in der Liga nicht vorwärtskommen, dürften die Argumente für einen Verbleib wenig überzeugend ausfallen. Die Folge wäre ein weiterer Qualitätsverlust, der kaum aufzufangen wäre – und die Gefahr, dass das Mittelmaß tatsächlich näherkommt.



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