Lilli Purtscheller: „Ich habe es einmal geschafft – ich schaffe es wieder“
- 6. März
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Zweiter Kreuzbandriss mit 22 Jahren: Lilli Purtscheller arbeitet erneut auf ein Comeback hin. Was der Österreicherin hilft: ihr positives Gemüt. Die Spielerin der SGS Essen spricht über ihre Behandlung, schwierige Geduldsphasen und die Hoffnung, diese Saison noch Spiele zu bestreiten.

Lilli Purtscheller ahnte sofort, was los war. Sie kannte das Gefühl, den Schmerz und das Geräusch. Ein Sonntagstraining bei der SGS Essen im Juni, letzte Aktion, ein Passspiel – und beim Aufkommen knickte ihr linkes Bein weg. „Die Mädels haben alle gesagt, ich soll das MRT abwarten. Ich habe aber sofort gewusst: Es ist wahrscheinlich wieder so schlimm“, sagt sie. Purtscheller behielt recht: Kreuzbandriss, damals mit 21 Jahren schon der zweite.
Am Abend seien bei ihr ein paar Tränen geflossen, gibt sie zu. „Ich habe mich dann aber im Spiegel angeschaut und mir gesagt: Na, ab jetzt geht es vorwärts“, sagt die heute 22-Jährige, fügt aber auch an: „Ich würde lügen, wenn es anfangs nur positive Gedanken waren. Da war schon die Frage: Wieso muss ich das jetzt ein zweites Mal durchmachen? Ich bin zum Glück aber jemand, der schnell nach vorne schaut. Ich habe es einmal geschafft – ich schaffe es jetzt auch ein zweites Mal.“
Erster Kreuzbandriss für Lilli Purtscheller mit 18 Jahren
Positiv denken: Das hat Purtscheller für sich verinnerlicht – und half ihr bereits bei ihrem ersten Kreuzbandriss im Frühjahr 2022. Damals spielte sie für den österreichischen Erstligisten Sturm Graz, stand kurz vor der Abiturprüfung und war keine Vollzeitfußballerin. Das habe alles etwas komplizierter gemacht, sagt sie. Neun Monate dauerte es, bis sie ihr Comeback gab.
„Bei meinem ersten Riss war ich 18 Jahre alt, da realisierst du nicht alles, sondern machst einfach. Das ist jetzt etwas anders. Mental ist der zweite Kreuzbandriss für mich etwas schwieriger, weil ich älter bin und mehr darüber nachdenke. Deshalb finde ich es wichtig, darüber zu reden“, sagt Purtscheller.
Kreuzbandrisse bei Frauen noch wenig erforscht
Kreuzbandrisse dominierten die ersten Wochen der aktuellen Bundesliga-Saison. 15 Spielerinnen fallen derzeit mit dieser Verletzung aus. Über Ursachen ist viel zu hören: die Anatomie, das Zusammenspiel von Muskelgruppen, der weibliche Zyklus – wirklich erforscht ist davon allerdings wenig. Therapien, Prävention und Forschung beziehen sich bislang fast ausschließlich auf den Männerfußball.
„Es gibt ganz viele Bereiche, in denen extrem viel gemacht werden kann. Zum Beispiel, dass Fußballschuhe nur auf Männer angepasst sind. Eigentlich krass“, sagt Purtscheller. Sie fügt an: „Ich habe in der Reha viel über den Körper als Ganzes gelernt. Wenn du eine Knieverletzung hast, heißt das nicht, dass dein Knie nicht stabil ist. Viele junge Spielerinnen – ich früher auch – glauben immer, dass sie viel trainieren müssen, um besser zu werden. Es geht aber vor allem darum, das Richtige zu trainieren, Schwachstellen zu finden und präventiv zu arbeiten.“
Wenn das Kreuzband reißt, wird es zumeist in einer Operation durch eine andere Sehne ersetzt – bei Purtscheller aus der Quadrizepssehne am vorderen Oberschenkel. „Viele denken, Kreuzband ist Kreuzbandriss, aber es kommt auf die Begleitverletzungen an“, sagt sie. Meniskus, Innen- oder Außenband, Knorpel- oder Kapselschäden – oft ist mehr als nur das Kreuzband betroffen. „Zum Beispiel musste ich beim ersten Mal sechs Wochen auf Krücken laufen und jetzt beim zweiten Mal nur zwei bis drei Wochen“, sagt sie.
Eine schwierige Aufgabe für Purtscheller: Geduld bewahren
Fünf Tage nach ihrer Verletzung folgte die Operation in Innsbruck. Seitdem ist Purtscheller in ihrer Heimat Österreich. Ihr Alltag: montags bis freitags Reha – bestehend aus Unterwassertherapie, Physiotherapie, Kraftübungen sowie dem sogenannten Blood-Flow-Restriction-Training, bei dem mit geringen Gewichten große Krafteffekte erzielt werden. „Das hat mir beim zweiten Mal extrem geholfen, sodass ich nicht so viele Muskeln verloren habe“, sagt Purtscheller.
Insgesamt sei der Heilungsprozess in den ersten Monaten gut verlaufen. Zwischendurch musste ein weiterer, kleinerer Eingriff vorgenommen werden. „Insgesamt ist aber alles auf einem guten Weg“, sagt Purtscheller. Die schwierigste Aufgabe: Geduld bewahren. „Nach fünf, sechs Monaten habe ich schon gedacht: Boah, ich könnte alles zerreißen, weil es so gut läuft. Das Gelenk, das Knie, die Strukturen sind aber einfach noch nicht bereit dafür – auch wenn sich alles gut anfühlt. Das ist nicht einfach zu akzeptieren“, sagt Purtscheller.
Sie hat allerdings auch gute Seiten an ihrer Zwangspause entdeckt. So viel Zeit wie aktuell hat sie seit vielen Jahren nicht mehr mit ihrer Familie und ihren Freunden verbracht. Auch ihr Fernstudium habe sie vorantreiben können. Trotzdem bleibt das Gefühl: „Ich vermisse Fußball über alles.“
Purtschellers Qualitäten fehlen Essen im Abstiegskampf
Der Blick nach Essen hat da nicht geholfen. Purtscheller war in den vergangenen Jahren ein Fixpunkt im Spiel der SGS – als Taktgeberin im Offensivspiel, mit Lauf- und Zweikampfstärke, und generell als Spielerin, die ein Team mitreißen kann. All das fehlte den Essenerinnen, als sie acht der ersten neun Saisonspiele verloren. „Ich habe viel Kontakt mit den Mädels, und es ist einfach nicht schön, das mitzuerleben“, sagt sie.
Dreimal besuchte sie Spiele an der Hafenstraße vor Ort und brachte zumindest teilweise Glück: Zwei Spiele endeten remis. Die Zuschauerinnenrolle taugt ihr aber nicht. „Wenn ich die Spiele schaue, bin ich super nervös. Ich will auf dem Platz stehen und dem Team helfen. Und wenn du draußen bist, dann kannst du nicht eingreifen. Das ist für mich das Schlimmste“, sagt Purtscheller.
Wann ihr Comeback geplant ist? In der Regel beträgt die Ausfallzeit nach einem Kreuzbandriss neun bis zwölf Monate. Druck will sie sich nicht machen. Grundsätzlich könne bei so einer Verletzung nur von Woche zu Woche geschaut werden, betont die Österreicherin. „Mein Ziel ist es, in dieser Saison noch Spiele für Essen zu machen. Ich bin sehr positiv. Ich weiß aber auch, dass wir es langsam angehen müssen“, sagt Purtscheller.
Sorgen vor einer weiteren Verletzung hat sie nicht. „Sobald du ein bisschen Angst hast, ist die Gefahr am höchsten, dass es wieder passiert. Es braucht am Anfang aber schon einen Moment im Training – vielleicht einen Pressschlag –, bei dem du merkst: Das Knie hat gehalten, es geht wieder los“, sagt sie. Purtscheller blickt lieber positiv auf die Dinge.



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