Gesprächsthemen 23. Spieltag: Ganz oben, ganz unten und ganz bedenklich
- 27. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Mai
Spieltag 23 der Frauen-Bundesliga ist Geschichte. Die Meisterschaft ist entschieden und die Saison von Bayern München verdient größte Würdigung. Die SGS Essen schöpft im Tabellenkeller neue Hoffnung dank erfolgreicher Kniffe von Trainerin Heleen Jaques und beim 1. FC Nürnberg bricht die Abstiegsangst aus.

Die Bundesliga ist zurück aus ihrer fast vierwöchigen Frühlingswoche. An Gesprächsstoff fehlt es beim Wiedereinstieg nicht. Die Meisterschaft ist entschieden, und mit Carl Zeiss Jena steht der erste Absteiger praktisch fest. Ohnehin ist es ein Spieltag im Zeichen des Abstiegskampfes: Die SGS Essen schöpft nach dem 4:3-Nervensieg gegen Jena neuen Mut, während der 1. FC Nürnberg plötzlich akute Abstiegssorgen entwickelt. Folge: Im Endspurt um den Klassenverbleib trennt sich der „Club“ von Trainer Thomas Oostendorp. Die Themen des Spieltags.
Bayern München: Ganz oben ohne Konkurrenz
Überraschend ist das Ereignis nicht mehr. Und doch verdient es die größte Würdigung: Bayern München ist seit diesem Spieltag vorzeitig deutscher Meister. Dafür reichte ein 3:2-Erfolg beim 1. FC Union Berlin, der am Ende knapper ausfiel, als viele erwartet hätten. Denn Union war wie kaum ein anderer Bundesligist in den vergangenen Monaten dran, die Siegesserie der Bayern zu beenden. Immerhin sind die Berlinerinnen nun das erste Ligateam, das zwei Tore gegen den FCB erzielte. Das ist kein Zufall.
Am Ende setzte sich jedoch die Qualität der Münchenerinnen durch: Die eingewechselte Klara Bühl bediente in der 84. Minute die ebenfalls eingewechselte Giulia Gwinn, die den Ball per Direktabnahme ins lange Eck legte – das 3:2 und der Siegtreffer zur Meisterschaft.
Die Bayern holten damit aus 22 Spielen 64 der 66 möglichen Punkte. Bundesliga-Rekord. Zudem war es der 19. Ligaerfolg in Serie, gleichbedeutend mit einer Dominanz, die die Liga noch nicht gesehen hat. Das ist einerseits beeindruckend, andererseits bedenklich für den Wettbewerb – ist aber nicht den Bayern anzulasten.
Ungewöhnlich war, dass die Partie bereits am Mittwochabend stattfand. Grund: Am Samstag stand das Champions-League-Halbfinale der Bayern gegen den FC Barcelona an, weshalb die Liga umplanen musste. Trotzdem kamen am Mittwoch beachtliche 13.220 Zuschauerinnen und Zuschauer ins Stadion An der Alten Försterei. Respekt an den Anhang der Unionerinnen. Noch mehr Besucherinnen und Besucher zog am Samstag dann Bayerns Duell mit Barcelona in der Allianz Arena an: 31.000. Beide Zahlen sind starke Zeichen für den Frauenfußball.
Die Partie am Samstag gegen Barcelona endete übrigens 1:1. Mehr als das Ergebnis bestimmte der Platzverweis von Franziska Kett die Schlagzeilen. Die Nationalspielerin hatte in einer Abwehraktion Salma Paralluelo an den Haaren gezogen – nach Regelwerk eine Rote Karte. Allerdings: Paralluelos Haare sind sehr lang und Kett wollte womöglich instinktiv eher nach dem Trikot greifen – so lautete in weiten Teilen der öffentliche Tenor. Wäre Gelb in so einem Fall die bessere Sanktion? Eine Frage, die eventuell die Regel-Gelehrten künftig beschäftigt.
SGS Essen: Ganz unten mit neuen Hoffnungen
Mehr Bedeutung konnte eine Partie am vergangenen Wochenende nicht haben: Beim Duell zwischen Essen gegen Jena durfte der Verlierer quasi sicher für die 2. Bundesliga planen. Wer allerdings nun – wie ich – ein zähes Spiel erwartet hatte, lag kräftig daneben: Am Ende stand ein turbulenter 4:3-Sieg für Essen. Und als Fazit von Trainerin Heleen Jaques bei MagentaSport: „Ich bin heute zehn Jahre älter geworden.“
Jaques durfte sich nach dem Spiel durchaus auf die Schulter klopfen. Drei der vier SGS-Tore fielen nach Standardsituationen. Darauf habe das Team im Training „viel Zeit investiert“, sagt Jaques, „weil wir wissen, dass das in dieser Phase der Saison entscheidend werden kann.“
Außerdem stellte sie Abwehrchefin Jacqueline Meißner und Linksverteidigerin Ella Touon auf den offensiven Außenbahnen auf – ein Schachzug, der sich als exzellente Idee erwies. Meißner erzielte zwei Tore und sorgte mit ihrer Tempo und ihren Tiefenläufen für viel Unruhe in Jenas Abwehr. Zudem überlud Essen häufig die Flügel, womit Jena seine Probleme hatte. Spielerin der Partie war jedoch Touon mit jeweils zwei Toren und zwei Vorlagen.
In Summe blieb es aber ein Spiel, das von vielen Ungenauigkeiten und Fehlern lebte. Es ging intensiv, aber nicht unbedingt hochklassig zu. Beinahe hätte Essen in der Schlussphase sogar seinen 4:1-Vorsprung noch verspielt – auch das gehört zur Bilanz dieser Partie. Über allem steht jedoch: Die SGS hat dem Druck des Gewinnenmüssens standgehalten. Das brachte Erleichterung, aber keinen Freudentaumel. Zu prekär ist die Lage weiterhin: Der erste Rückrundensieg hält vorerst lediglich die Hoffnung auf den Klassenverbleib am Leben. Aus den verbleibenden drei Spielen gegen Leverkusen, Nürnberg und Freiburg braucht Essen im Idealfall zwei weitere Siege. Denn der HSV liegt zwar nur drei Punkte voraus, hat aber das deutlich bessere Torverhältnis.
Jena steht hingegen praktisch als Absteiger fest. Zwar ist der Klassenverbleib bei sieben Punkten Rückstand auf den HSV rechnerisch noch möglich, doch dieses Szenario ist im Prinzip auszuschließen.
1.FC Nürnberg: Ganz bedenklich zurück im Abstiegskampf
Wir müssen über den 1. FC Nürnberg reden. Lange war der „Club“ tabellarisch etwas aus dem Blick geraten. Das Team absolvierte eine solide Hinrunde (15 Punkte) und galt nach dem 5:1-Erfolg im Februar gegen Carl Zeiss Jena als nahezu gerettet. Nun ist die sportliche Situation aber wieder ernst. Sehr ernst.
Das hat auch der Verein erkannt: Am Montag gab Nürnberg die Trennung von Trainer Thomas Oostendorp bekannt. Vorerst übernimmt Isabel Bauer, zuvor Co-Trainerin. Ein unerwarteter Schritt, der aber zeigt, wie präsent die Abstiegssorgen in Nürnberg plötzlich sind. Und Argumente für die Trennung gab es allemal.
Bauer übernimmt ein Team, das in der Rückrunde lediglich vier Punkte sammelte – der schlechteste Wert der Liga. Die Gründe dafür gab es am Freitagabend gegen den Hamburger SV zu sehen: Nürnberg war im Duell zweier formschwacher Teams in fast allen relevanten Statistiken deutlich unterlegen. Gewiss: Nürnbergs Spielstil setzt auf Umschaltfußball – Ballbesitz und hohe Passquoten sind daher nicht zwingend aussagekräftig.
Bemerkenswert war jedoch, wie wenig bei Nürnberg gegen den HSV zusammenlief – immerhin zählen die Hamburgerinnen zu den defensiv anfälligsten Teams der Liga. Ein paar Zahlen: ein Expected-Goals-Wert (xG) von 0,40, nur zwei Abschlüsse im Strafraum und eine Passquote von 47 Prozent. Zwischen den Teamteilen gab es kaum Anbindung, Ballstafetten gelangen selten, Bälle wurden kaum einmal festgemacht – und spielerisch fehlte ein Plan B. Nürnberg lief über weite Strecken hinterher oder ins Leere.
Was sich Oostendorp vorwerfen lassen muss: Nach der guten Hinrunde ist eine Weiterentwicklung ausgeblieben.
Der Auftritt gegen den HSV dürfte bei vielen „Club“-Fans ein mulmiges Gefühl hinterlassen haben. Nürnberg ist zurück im Abstiegskampf. Am vorletzten Spieltag steht das Duell mit der SGS Essen an – ein mögliches Abstiegsendspiel, mit dem viele wohl nicht mehr gerechnet hätten.
Dass der HSV hingegen das erste Spiel nach der Trennung von Liése Brancão gewann, möchte ich nicht als „Cardoso-Effekt“ betiteln. Wobei unter Interimstrainer Rodolfo Cardoso spielerisch einige guten Sequenzen im HSV-Spiel dabei waren – und das wohlgemerkt ohne die verletzte Lotta Wrede. Allerdings hat Nürnberg es dem HSV an diesem Tag teilweise auch zu leicht gemacht. Die drei Punkte könnten sich am Ende aber als entscheidend für den Klassenverbleib herausstellen.
Was war sonst noch?
Gibt es doch noch ein Duell um Platz zwei? Eintracht Frankfurt gewann am Sonntag das direkte Duell gegen den VfL Wolfsburg verdient mit 3:1 und rückte bis auf vier Punkte an den VfL heran.
Künftig spielt Larissa Mühlhaus für die Eintracht. Unter der Woche wurde ihr Wechsel bekanntgegeben. Ihrem aktuellen Klub Werder Bremen sicherte sie per Elfmeter noch ein 1:1 gegen RB Leipzig. Es war ihr neunter verwandelte Strafstoß in dieser Saison - Bundesligarekord.
Einen deutlichen 4:1-Erfolg verbuchte Bayer Leverkusen gegen den SC Freiburg. Der Treffer zum 1:0 fiel nach einem Distanzschuss von Katharina Piljic – inzwischen fast ein Markenzeichen der 22-Jährigen. Es war das dritte Spiel in Serie mit einem Piljic-Tor der Kategorie „sehenswert“.
Wild und torreich ging es zum Abschluss des Spieltags am Montag zwischen Hoffenheim und Köln zu - mit einem 6:2-Erfolg für die TSG. Teilweise fielen slapstickartige Tore, vor allem Köln wirkte merkwürdig unkonzentriert und verhalf Selina Cerci so zu drei Toren. Damit übernahm die Stürmerin mit nun 15 Treffern die Führung in der Torjägerinnenliste.



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