top of page

Sarah Gutmann: Abwehr kann sie – und Tore plötzlich auch

vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit

Doppel-Doppelpackerin und Pokalheldin: Bei Werder Bremen ist Verteidigerin Sarah Gutmann in den Mittelpunkt gerückt. Ihre Torgefahr nach Ecken hat auch damit zu tun, weil das Standardtraining zuvor nicht wie gewünscht ablief. Für Bremen entschied sie sich zudem erst beim zweiten Anlauf.


Sarah Gutmann bejubelt ihr Tor für Werder Bremen
Foto: SV Werder Bremen

Sarah Gutmann lief an der Seitenlinie auf den Ball zu, stoppte ihn mit dem einen Fuß, drehte sich und nahm die Kugel dabei mit dem anderen Fuß mit. Ihre Gegenspielerin lief ins Leere und das Internet war danach um einen Highlight-Clip reicher. Die Szene stammt aus dem DFB-Pokalspiel der Bremerinnen gegen den FSV Mainz vom vergangenen Wochenende. Seitdem ist Gutmann mehrfach darauf angesprochen worden. Eine große Sache daraus zu machen, ist aber nicht ihr Ding. „Das war ein bisschen Glück im Unglück, muss ich sagen, weil davor habe ich meinen Ball nicht annehmen können. Und dann habe ich halt irgendwie noch die Situation retten müssen. Ist zum Glück gelungen“, sagt Gutmann lachend. Sie fügt aber an: „Ich habe früher eher offensiv gespielt und viel gedribbelt. Daher ist das irgendwie noch in meinen Füßen drin.“



In Bremen ist Gutmann grundsätzlich für andere Aufgaben vorgesehen. Mehr Fuß dazwischen als Fuß am Dribbeln. Der Offensivgedanke ist aus der Innenverteidigerin aber nicht ganz herauszubekommen. Seit zwei Wochen fällt die 20-jährige Österreicherin obendrein als Torschützin auf. Traf sie zunächst zweimal in der Liga gegen den SC Freiburg (4:3), dann per Doppelpack entscheidend in der Verlängerung des Pokalspiels gegen Mainz (2:0). Gut, besser, Gutmann, hieß es anschließend auf der Werder-Homepage; Trainerin Friederike Kromp sprach von den „Gutmann-Wochen“ und auf dem Social-Media-Kanal fragte Werder in seinem Video, ob Gutmann nicht weiter vorne spielen müsste. Alles mit einem Augenzwinkern.


Wenn eine Verteidigerin aber plötzlich nicht nur Tore verhindert, sondern selbst übermäßig viele Treffer erzielt, erregt das selbstredend Aufsehen. Für Gutmann eine neue Erfahrung, die ihr im Grunde gar nicht so lieb ist. „An sich bin ich nicht so gerne im Mittelpunkt. An das Toreschießen könnte ich mich gewöhnen, aber bei der ganzen Aufmerksamkeit – da bin ich froh, wenn es wieder weniger wird“, sagt sie lachend.


Sarah Gutmann war einst Stürmerin in Österreich


Dass Gutmann in Bremen nun als Innenverteidigerin aufläuft, hat viel mit Co-Trainerin Michaela Specht zu tun, die einst die österreichische U19 als Videoanalystin begleitete. Damals spielte auch Gutmann für die Auswahl und agierte dort als Innenverteidigerin – anders als teilweise in ihren Klubs. Beim SV Horn, ihrem ersten Seniorinnenverein, lief Gutmann ab 2021 gar als Stürmerin auf; später bei First Vienna dann in der Abwehr und zuletzt in St. Pölten auf der offensiven als auch auf der defensiven Außenbahn. Gutmann ist gewiss vielseitig, in Bremen legte sich das Trainerinnenteam bei ihr aber schnell auf die Innenverteidigung fest.

„Das Besondere an ihr ist, dass sie einfach ein echtes Gesamtpaket mitbringt. Sie ist beidfüßig, schnell, zweikampfstark und verfügt über einen enormen Willen. Dazu kommen eine gute Technik und ein starkes Passspiel. Insgesamt ist sie eine sehr wichtige Spielerin für uns, nicht nur in der Defensive, sie kann auch mit ihren offensiven Qualitäten überzeugen“, sagt Co-Trainerin Specht.  

Wer Gutmann auf dem Trainingsplatz sieht, würde hingegen nicht auf die Idee kommen, dass in ihr eine Torjägerin steckt. Das sagt zumindest Gutmann selbst. „Im Training haben wir oft Späße gemacht, weil ich vor dem Tor eigentlich völlig ungefährlich bin“, sagt sie. Entsprechend verwundert sah Gutmann beim Torjubel aus, als ihr im Ligaspiel gegen Freiburg tatsächlich der Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 gelang: Ein Freistoß von Isabella Jaron knallte gegen die Latte, ehe der Ball Gutmann direkt vor die Füße sprang. „Dann war der Ball auf einmal drin und ich dachte mir: Was ist jetzt los?!“


Im Sommer 2025 lehnte Sarah Gutmann die Anfrage von Bremen ab


Zwei weitere Tore erzielte sie wiederum nach Eckbällen, was kein Zufall, sondern die Konsequenz aus ihren zunächst mäßigen Eindrücken im Standardtraining ist. „Ich war als Zielspielerin vorgesehen. Aber das hat im Training absolut gar nicht funktioniert. Ich habe dann unserem Co-Trainer (Sebastian Kmiec, Anm. d. Red.) gesagt: Stell mich bitte woanders hin“, sagt Gutmann. Die Lösung: Sie positioniert sich seitdem bei Ecken oft in der Nähe des ersten Pfostens. Gegen Freiburg stocherte sie von dort einen Ball ins Netz, gegen Mainz traf sie nach einstudierter Variante von da per Kopfball. Mit vier Treffern führt Gutmann wettbewerbsübergreifend nun Werders Torjägerinnenliste an.



Für ihren Wechsel nach Bremen brauchte der Klub indes Geduld. Eine erste Anfrage im Sommer 2025 lehnte die Österreicherin ab. Sie hatte mit 18 Jahren gerade ihre Schulzeit beendet – der sofortige Schritt ins Ausland, weit weg von der Familie und den Freunden? Gutmann war sich unsicher und blieb in Österreich. Eine bemerkenswerte Entscheidung im – zunehmend auch bei Frauen – karrieregetriebenen Fußballgeschäft. Für Gutmann war sie jedoch richtig und wichtig. „Das halbe Jahr als Zwischenschritt bei St. Pölten hat ein bisschen mehr Selbstvertrauen gegeben, auch, weil ich dort Champions League gespielt habe“, sagt Gutmann heute. Für die Rückrunde 2025/26 klopfte Werder erneut an. Dieses Mal mit Erfolg: Gutmann wagte den Schritt nach Bremen.


Sarah Gutmann profitiert von Nebenfrau Michelle Ulbrich


Während der dunklen Wintermonate einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, hat allerdings seine Tücken. „Die ersten Wochen waren herausfordend. Es gab den vielen Schnee, die Trainings wurden abgesagt, dann auch die Spiele. Auf einmal gab es fünf Tage frei und alle sind in die Heimat gefahren. Ich dachte mir aber: Wenn ich jetzt heimfliege, dann komme ich wahrscheinlich nicht mehr her“, sagt Gutmann. Mit besserer Wetterlage besserte sich aber Gutmanns Gefühlsleben im neuen Umfeld. „Als der Spielbetrieb wieder normal lief, habe ich mich schnell wohlgefühlt“, fügt sie an.


In der Zeit dazwischen halfen tägliche Telefonate mit der Familie in Österreich und ein gewisser Heimatbezug im Team. Mit Mariella El Sherif und Chiara D'Angelo standen bereits zwei Österreicherinnen im Kader, als Gutmann im Januar 2026 in Bremen ankam. Beide hätten sie von Anfang an bei allem unterstützt, sagt Gutmann. Seit Sommer ist die Österreich-Gruppe mit Julia Magerl und Lilli Purtscheller in Bremen noch einmal angewachsen. „Das macht schon Spaß, weil jetzt wieder mehr im Dialekt geredet wird“, sagt Gutmann, inzwischen auch dreimalige A-Nationalspielerin für ihr Land.


Dass sie aktuell einen Stammplatz hat, liegt mitunter an einer Knieverletzung von Landsfrau Magerl, die zuvor den Startplatz in der Innenverteidigung neben Michelle Ulbrich besetzte. Von der konstanten Spielpraxis profitiert Gutmann nun, ebenso wie von der 30-jährigen Ulbrich an ihrer Seite. „Vor allem im Stellungsspiel. Von ihrer Erfahrung und Ruhe kann ich viel lernen. Sie redet die Dinge auch nicht gleich schlecht, sondern gibt Tipps und pusht mich“, sagt Gutmann.


Beide dürften am Freitagabend wieder das Innenverteidigerinnen-Duo bilden. Dann steht das Heimspiel gegen Bayern München an. Die „Gutmann-Wochen“ dürften sich derweil auch bis nach München herumgesprochen haben.

 
 
 

Kommentare


bottom of page